Außenseiter, Spitzenreiter

Es gibt Tage, da bleibt man lieber im Bett. Und es gibt so Tage, da gewinnt man bei Inter Mailand mit 5:2. (Gelsenkirchener Sprichwort, um 2011 n.Chr)

Die Fans de FC Schalke 04 hatten lange Zeit wenig Grund, das Schlafgemach zu verlassen. Abgesehen von vier Minuten gefühlter Meisterschaft im Sommer 2001 und einem Titelgewinn beim „Cup der Verlierer“ anno 1997 war in Gelsenkirchen einfach gar nüscht los. Noch frustrierender, als das ewige Scheitern der Kicker, dürfte hier an Samstagen eigentlich nur das Kolbenfressen mit der Opel-Gang „Hassel-West“ gewesen sein.

Seit etwa einer Woche, seitdem die Schalker dem Vorjahres-Champion der Champions League die Hosen bis zur Fußsohle herunter gezogen haben, ist das aber anders. Ein ganzes Land fiebert nun in Blau-Weiß (bis auf eine kleine Enklave hinter Castrop-Rauxel). Denn der FC Schalke 04 gehört jetzt überraschend zu den vier besten Vereinen Europas, steht praktisch auf einer Stufe mit Manchester United, Real Madrid und dem FC Barcelona – jenen bis an die Zähne mit Titeln bewaffneten Supermächten des Fußballs. Es ist keine Frage: Nach dem Triumph über Inter Mailand muss der Pott nach Gelsenkirchen kommen. Da schlägt auch nicht ins Gewicht, dass die Schalker derzeit mit Platz 65 der ewigen Europapokal-Rangliste (direkt hinter Legia Warschau und dem IFK Göteborg) bei den Buchmachern als krasse Außenseiter gelten.

Doch keine Angst vor großen Namen: Die Geschichte der Champions League hat schon viele vermeintlich Unbezwingbare gesehen, die danach für immer aus dem Kreis der Kronen verschwanden.

Seine Ursprünge hat dieser Wettbewerb bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Der erste Titelträger im damals nur im kaiserlich-königlichen Österreich-Ungarn ausgetragenen „Challenge Cup“ kam natürlich aus der Torten-Hauptstadt. Der Vienna Cricket and Football-Club besiegte am 21. November 1897 die kommunale Konkurrenz vom Wiener FC 1898 mit 7:0 und ließ sich dann zu Europas erstem Vereinschampion küren. Der erste Titelträger außerhalb der Wiener Stadtgrenzen war 1909 Ferencváros Budapest. Der Sieg der Ungarn markiert auch den Beginn des erfolgreichen Aufschwungs des ungarische Fußballs, der erst mit einem „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt“ vorläufig gestoppt wurde.

Dem „Challenge Cup“ folgte ab 1927 der so genannte „Mitropapokal“, der seinen Namen u.a. auch dem Hauptsponsor aus Bahnbetriebskreisen verdankt. Die erste Runde wurde mit den besten Teams aus Österreich, Ungarn, Jugoslawien und der Tschechoslowakei ausgetragen. Erster Champion war hier Sparta Prag, das sich gegen Rapid Wien durchsetzen konnte. Später nahmen auch Italiener, Schweizer und Rumänen am Kräftemessen teil. Das Maß aller Dinge blieb aber Ferencváros Budapest mit insgesamt vier Titeln bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Obgleich 1954 auch der „Europapokal der Landesmeister“ an die Stelle der goldenen Mitropa-Tasse trat, wurde dieser Wettbewerb noch bis 1992 weiter ausgespielt. Nach dem letzten Titelträger Borac Banja Luka aus Bosnien-Herzegowina entschied man sich bei der UEFA aber dafür, die Bedeutungslosigkeit des Cups endlich anzuerkennen.

Der legendäre Vorgänger unserer heutige Champions Leage, der Landesmeister-Cup, hat viele große Finals gesehen. Einige Teilnehmer verbindet man heute allerdings nicht mehr ganz so mit europäischem Spitzenformat. Stade Reims stand 1956 und 1959 zweimal im Finale – und verlor beide Male gegen das „weiße Ballett“ um den Argentinier Alfredo Di Stéfano (Real Madrid).

Auch Eintracht Frankfurt musste sich 1960 Alfredos Jungs im Endspiel geschlagen geben. Celtic Glasgow erlangte 1967 als erste britische Mannschaft die höchsten europäischen Mannschaftswürden. Nottingham Forest (heute zweite englische Liga) konnte 1980 den Titel sogar verteidigen – gegen den Hamburger SV.

Mit Steaua Bukarest (1986) und dem Roten Stern aus Belgrad (1991, inklusive des späteren VfB-Leipzigers Darko Pančev) gelangten auch zwei Teams aus dem damaligen Ostblock bis an die Spitze.

Spätestens seit der Einführung der Champions League 1992 ist das Feld der Titelkandidaten aber deutlich geschrumpft. Schalkes Konkurrenz in den Halbfinalspielen hatte natürlich schon mehrfach die Hand an der begehrten Silbervase: Real Madrid gewann bisher drei Mal die Liga der Geldsäcke, FC Barcelona und Manchester United jeweils zwei Mal. Deshalb kann das Schalker Motto in den kommenden Wochen nun nur heißen: Es ist Zeit für Veränderungen.

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