Finale, oho!

Es ist Sonntag, 20.30 Uhr. So, noch schnell die kalt gestellte Apfelschorle aus dem Kühlschrank holen, Chips bereitstellen. Es ist Finale! Ja, wir sind nicht dabei. Ja, das war Mist vom Jogi mit dem Kroos und dem Poldi und überhaupt. Aber das soll mich heute mal nicht stören. Plötzlich Jubel bei den Kollegen: Das da sei doch eindeutig eine Fahne des Dresdner SC. Ein bisschen Lokalkolorit in Kiew. Wie schön.

Verdammt, ich habe vergessen zu tippen. Nicht, dass es mich weit nach vorn bringen würde in der redaktionellen Gesamtwertung, wenn es jetzt mal klappen würde mit der Ergebnisvorhersage. Tipptechnisch bin ich ein Totalausfall. Während die Mannschaften den Rasen betreten und Aufstellung nehmen, rast mein Kopf: Spanien oder Italien? Meine Intuition sagt, Spanien macht’s, 2:1.

Fernando Torres im Kreise von Familie und EM-Pokal. (Foto: dpa)

Jetzt wird erstmal gesungen. Achso, ja, die Spanier singen ja nicht. Der „Marcha Real“ hat keinen Text. Iker Casillas und Co. gucken konzentriert. Nun „Fratelli d’Italia“. Wie immer sind Buffons Augen geschlossen. Er singt laut, ein wenig schief, aber aus vollem Herzen. Seine Mannschaftskameraden machen das ähnlich. Ob das was wird mit meinem 2:1? Plötzlich bin ich unsicher. Hätt’ ich nur erst zum Anpfiff eingeschalten.

Kurz bevor es losgeht, schwenkt die Kamera auf die Tribüne. Da sitzen Carles Puyol und David Villa und diskutieren. Ich hätte sie ja lieber auf dem Platz gesehen. Aber da bin ich sicher nicht die einzige.

Ich bin positiv überrascht. Wird wohl doch keine Abwehrschlacht. Beide Teams spielen nach vorn. Nach zehn Minuten haut Xavi den Ball nur knapp drüber. Wenig später rennt Mario Balotelli los, Casillas ist schneller und kann klären. Im Halbfinale wäre der vielleicht drin gewesen. Es klappt halt nicht immer. So wird das auf jeden Fall nix mit den angekündigten vier Toren.

Jawoll! David Silva macht das 1:0. „Fußball in Perfektion“ nennt Béla Réthy das. Wo er Recht hat. Was für ein Pass von Iniesta, tolles Auge von Fabregas. „Tiki-Taka“ ist eben doch nicht immer langweilig. Damit kann ich am Montag bestimmt den einen oder anderen Kollegen ärgern.

Jetzt wird’s robust. Gerard Piqué haut Antonio Cassano um. Meine Güte. Schiri Pedro Proença kommt mit der gelben Karte wedelnd angerannt, als ginge es um sein Leben. Natürlich kann sich Piqué an das eben Geschehene wieder nicht erinnern. Was wohl Shakira dazu sagt?

Das Spiel wogt hin und her. Langweilig ist es tatsächlich nicht. Italien hat zwischenzeitlich etwas mehr von der Partie. Ein Tor wäre nicht unverdient. Aber plötzlich steht’s 2:0. Ein blitzschneller Pass von Xavi in die Spitze auf Jordi Alba, der von ganz hinten losgesprintet war. Buffon kann da nix machen. Ich bin ein bisschen platt. Die Italiener auch. Ob die sich jetzt fühlen wie Lahm und Co. nach Balotellis zweitem Streich. Man weiß es nicht. Von der grimmigen Entschlossenheit beim Hymnensingen ist jedenfalls nicht mehr viel zu sehen, als sie zur Pause vom Platz trotten.

Natürlich bringt Cesare Prandelli jetzt Antonio di Natale. Der hat schließlich in der Vorrunde den einzigen spanischen Gegentreffer des Turniers erzielt. Wenn der jetzt schnell… Dann würde es vielleicht auch noch was mit meinem Tipp. Schließlich bin ich nach wie vor auf Kurs. In der 49. Minute muss ich allerdings kurz den Atem anhalten. Das war doch eigentlich ein Handelfmeter. Bloß gut, dass Pedro Proença hier nicht so entschlossen daherkommt, wie bei der gelben Karte zuvor.

Béla Réthy hat Italien inzwischen abgeschrieben. Zu di Natale ist das offenbar nicht vorgedrungen. Er versucht sein Glück gegen Casillas. Es bleibt beim Versuch. Ein paar Minuten später gibt es noch einen Freistoß von Andrea Pirlo. Doch ehe Thiago Motta an den Ball kommt, hat Casillas ihn weggefaustet.

Wenig später wird der Mann zur tragischen Figur des Abends und mit ihm sein Trainer, irgendwie. In der 61. Minute bleibt Motta liegen, fasst sich an den rechten Oberschenkel, wird vom Platz getragen. Prandellis Miene ist versteinert. Mottas Hereinnahme war die dritte Einwechslung der Italiener. Eine halbe Stunde in Unterzahl bei 2:0 für den Gegner, Prandelli weiß, dass der Titel nun weg ist. Sein Gesicht spricht Bände. Jogi hatte am Donnerstag ähnlich geguckt.

Cesare Prandelli redet nach dem Schlusspfiff auf den weinenden Mario Balotelli ein. (Foto: dpa)

Nun wird es natürlich einseitig. Die Italiener kommen nicht mehr raus aus der eigenen Hälfte. Die Tore von Fernando Torres und Mata – sie kommen einer Demütigung gleich. Natürlich ist mein Tipp jetzt futsch „Ball-Imperialisten“ nennt Réthy die Spanier jetzt und reimt angesichts der jubelnden Kicker: „Xavi, Iniesta und das ist ihre Fiesta“. Jetzt fällt mir auch wieder ein, warum ich ursprünglich den Ton des TV-Gerätes hatte abstellen wollen.

Nachspielzeit: Während sich die Italiener nur noch über den Platz quälen, haben auch die Kameraleute keine Lust mehr auf Fußball. Sie schwenken lieber auf Villa und Puyol, die eifrig SMS schreiben. Warum auch nicht.

Der Rest ist (natürlich) Jubel. Es ist nicht dieser trunkene Jubel, bier- oder schaumweingetränkt. Die alten und neuen Europameister haben Kinder in ihren Armen, kleine süße Kinder in kleinen spanischen Trikots. Die „Ball-Imperialisten“ sind Väter, sie wirken sympathisch, nicht überheblich, nicht arrogant, nicht zu überschäumend. Das mag ich.

Wie es wohl ausgesehen hätte, wenn Jogis Jungs…? Lassen wir das!

2 Gedanken zu “Finale, oho!

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