Berlinale 2017 – Nudelsüppchen mit einem Auftragskiller

Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) will zur Beerdigung seines Vaters, den er vor fünf Jahren zum letzten Mal gesehen hat, nach Norwegen reisen. Sein Sohne Luis (Tristan Göbel), zu dem Michael keinen Kontakt hat, soll ihn begleiten. Alle Familientherapeuten wippen bereits jetzt erregt in den Kinositzen – wenn sich da mal Familiengeschichte nicht wiederholt. Können die beiden die Macht des Schicksals durchbrechen? Es folgt eine Reihe hölzerner Dialoge zwischen Menschen, die behaupten in einer Beziehung zu stehen. Der Vater kommt unter die Erde, Michael und Luis schweigen sich an. Was bringt Männer so richtig zusammen? Camping, Wandern, Dosenbier! Die Beiden kaufen rasch eine hochwertige Outdoor-Ausrüstung und los geht’s.

Nach seinem deutschen “Western” Gold mit Nina Hoss als Knochen sägendem Cowgirl, der 2013 kontrovers diskutiert wurde, tritt Thomas Arslan bei der 67. Berlinale mit „Helle Nächte“ (Bright Nights) erneut im Internationalen Wettbewerb an. Michael möchte sich dem Sohn erklären, der will die Weibergeschichten nicht hören. Der Mietwagen hat kein Benzin. Ein Haus brennt ab. Man steht und schaut.

Groß und erhaben ist die Landschaft Norwegens, mickrig sind die Probleme unserer beiden Hauptfiguren. Wir fahren über eine lange Schotterpiste. Mit vielen Kurven. Der Nebel wird dichter. Hoch, runter, Kurve – so eine Vater-Sohn-Beziehung ist ein langer unruhiger Roadtrip. Klasse. Immer weiter Auto fahr’n. Im Nebel. Dann wandern die beiden Frohnaturen durch die majestätische Landschaft. Warum nur?

Dinner is served!

Abendessen im kleinen Kreis bei Jill (Kristin Scott Thomas) und Bill (Timothy Spall). Gefeiert werden soll die Ernennung Jills zur britischen Gesundheitsministerin. Jill bereitet in der Küche die Hors d’œuvres vor, Gatte Bill vegetiert im Wohnzimmer vor sich hin. Der emeritierte Yale-Professor wirkt desorientiert.

Es erscheinen: Zynikerin April (Patricia Clarkson) und ihr Lebensgefährte, der deutsche Heiler und Lebensberater Gottfried (Bruno Ganz). Feministin, Lesbe und Hochschulprofessorin Marta (Cherry Jones), nebst Gattin, die mit Drillingen schwangere Sterneköchin Jinny (Emily Mortimer). Zuletzt Banker Tom (Cillian Murphy) im maßgeschneiderten Designer-Anzug ohne Gattin Marianne.

Tom ist außer sich. Eine Waffe unter dem Jacket und reichlich Koks künden von einem nahenden Unheil. Der Champagnerkorken zerschlägt ein Fenster, Bill erwacht aus seiner Lethargie. Heiler Gottfried muss fortan ganz tief in die Phrasenkiste für Lifecoaches greifen. Sally Potter (Orlando) bittet in “The Party” eine hochkarätige Darstellerriege zu Tisch und entfaltet in nur 71 Minuten eine griechische Tragödie epischen Ausmaßes. Kaum ist die dünne bürgerliche Fassade von den in Würde gealterten Gesichtern gerieselt, bricht Gewalt aus. Die Dialoge sitzen, die Schwarz-Weiß-Bilder sind gestochen scharf. Oder, um vier schwäbische Hip-Hopper zu zitieren: „Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet.“

Cool und schweigsam

Der Sound von „Mr. Long“ (Chen Chang) von Sabu ist ein Versprechen auf Unheil und Gewalt. Mr. Long ist ein taiwanesischer Auftragskiller. Geräuschlos und effizient erledigt er seinen Job. Ein Auftrag in Tokio geht schief. Durch eine Unaufmerksamkeit des Gegners gelingt Mr. Long schwer verletzt die Flucht. Er taucht in einer heruntergekommenen Siedlung unter, die Junkies als Unterschlupf dient. Hier findet ihn der kleine Jun und versorgt ihn mit Wasser, Medikamenten, Kleidung und frischem Gemüse. Und Mr. Long kocht.

„Mr. Long“ von Sabu Ⓒ 2017 LIVE MAX FILM / LDH PICTURES

Der schweigsame Killer mit der unbeweglichen Mimik kocht so gut, dass seine Künste im Viertel nicht unentdeckt bleiben. Seine Nachbarn renovieren das Abbruchhaus, spenden Möbel und eine mobile Garküche. Mr. Long setzt Juns drogensüchtige Mutter auf Entzug, kümmert sich um den schüchternen Jungen, schweigt und kocht. Eine gefühlige Rückblende bringt uns das Schicksal von Juns Mutter näher. Hat das sich entwickelnde kleine Glück eine Chance? Wir lassen uns von Sabu, bis zum finalen Showdown und einem überraschenden Ende immer wieder auf eine falsche Fährte locken. Mr. Long ist ein Killer, dem man gerne bei der Arbeit zusieht.

Einige Gedanken zu “Berlinale 2017 – Nudelsüppchen mit einem Auftragskiller

  1. Pingback: Berlinale 2017 – Goldener Bär für die Liebenden vom Schlachthaus › Geschichten aus dem Hinterstübchen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.