Berlinale 2017 – Steht ein Okapi nachts im Wald oder: Herr Hader im Schnee

Stolz und zornig ist Félicité, die allabendlich in einer Bar in Kinshasa auftritt. Die Sängerin motzt sich durch den Tag, nur nachts bringt die Musik ein wenig Schönheit in ihr Leben. Nach einem schweren Motorradunfall benötigt Sohn Samo eine kostspielige Operation. Geld muss schnell aufgetrieben werden. Über Müll und Chaos folgen wir ihr durch die kongolesische Hauptstadt. Ausgerechnet Trunkenbold und Hallodri Tabu will helfen und nicht nur die Reparatur des kaputten Kühlschranks übernehmen.

Mit „Félicité“ ist Alain Gomis (Aujourd’hui) zurück im Wettbewerb der Berlinale. Je länger die Zeit fortschreitet, um so fahriger und verschwommener geraten Kamera und Story. Da herrschen Unschärfe am Tag und tiefe Dunkelheit in der Nacht – da sieht man vor lauter Finsternis den Film nicht mehr. Leider verlässt sich Alain Gomis zu wenig auf seine ausdrucksstarke Hauptdarstellerin Véro Tshanda Beya und verliert sich stattdessen immer mehr in verschwurbelter Bildmetaphorik. Da will jemand unbedingt 120 Minuten füllen. Irgendwann gibt Gomis seine Geschichte einfach auf – steht ein Okapi nachts im Wald.

Sitzfleisch für die Kunst

Paris, 1964. Der Kunstkritiker und Biograf James Lord (Armie Hammer) soll dem Schweizer Kunstgenie Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) Modell sitzen. Nach wenigen Stunden soll das Werk vollendet sein. Aus Stunden werden Tage und Wochen. Wir tauchen ein in das Leben eines von der Kunst Besessenen, der Millionen mit seinen Werken verdient und doch mit jedem Pinselstrich und jeder Skulptur hadert. Zwischen Bistrobesuchen, Ehefrau, der gemeinsamen Arbeit mit Bruder Diego und Ausfahrten mit der Geliebten wird das Gemälde immer weiter verfeinert, zerstört und neu erschaffen.

Die Berlinale zeigt Stanley Tuccis (Spotlight, Die Tribute von Panem) „Final Portrait“ außer Konkurrenz im Wettbewerb. Wild, zerzaust und zerfurcht gibt Geoffrey Rush einen Giacometti, der schon äußerlich wirkt wie eine Figur des Meisters. Mit der Kamera erforschen wir Millimeter für Millimeter des aalglatten James und suchen wenigstens nach einer kleinen Furche, einem winzigen Sprung in der Oberfläche. Tapfer verschiebt James die Rückreise nach New York eins ums andere Mal. Da wird getrunken und geraucht was Lunge und Leber hergeben. Gemeinsam mit James wird man des Hockens müde. Und gerade, als man der Kunst überdrüssig zu werden droht, wendet sich das Blatt. Ein feines Film–Porträt für den bourgeoisen Kinogänger.

Wehe, wenn er losgelassen

Die “Wilde Maus” ist eine mittelgroße Achterbahn, in der es rasant auf und ab geht – vor allem ab. Durch ihre relativ engen Kurven und Wagen, die breiter sind als die Schienen, entsteht beim rasanten Durchfahren der Eindruck, dass der Wagen aus der Kurve getragen wird. Josef Hader steigt mit seinem gleichnamigen Debütfilm in den Berlinale-Wettbewerb ein und nimmt ordentlich Fahrt auf.

Hader (Buch, Regie, Hauptrolle) spielt den aufgrund seiner spitzen Feder gefürchteten Musikkritiker Georg. Ein Mann, der hoffnungsvolle Karrieren vernichtet hat. Den Printjournalisten alter Schule ereilt das Schicksal der britischen Grubenarbeiter der 80er Jahre – ihm wird völlig überraschend von seinem deutschen Chefredakteur (Jörg Hartmann) gekündigt. Und zuhause wartet die deutlich jüngere Ehefrau Johanna (Pia Hierzegger) mit Eisprung auf einen ordentlichen Beischlaf.

Ein Mann sieht rot

Die Wut gegen die deutsche Drecksau muss raus – Georg sinnt auf Rache. Unterstützt wird er dabei von einem ehemaligen Mitschüler (Georg Friedrich). Noch bevor Georg zum finalen Schlag ausholt, übernimmt er gemeinsam mit Erich die Titelgebende ”Wilde Maus“ im Wiener Prater. Und ab geht die Lutzi. Hader spielt Hader – mit einem Gesicht wie ein Shar–Pei erzählt er mit morbidem Wiener Schmäh vom bürgerlichen Leben am Abgrund. Der Herr Doktor hasst nicht nur sich, sondern auch den Rest der Welt. Der ehemalige Zivildienstleistende stellt sein Können am Schießstand unter Beweis. Wehe, wenn aggressives Selbstmitleid sich ein Ventil sucht! Dazu weinen die Geigen “Der Tod und das Mädchen” von Schubert und Johanna sucht einen jüngeren Samenspender.

Die Dialoge sitzen und bis in die kleinsten Nebenrollen ist „Wilde Maus“ hervorragend besetzt. Das Ensemble führt Georgs Restexistenz an den Rand der Klippe und hilft beim Sprung noch einmal kräftig nach. In starken Bildern und mit pointiertem Wortwitz wird die kümmerliche Existenz in diesem Requiem auf den Printjournalismus malträtiert bis aufs Blut. Ob Georg komplett aus der Kurve fliegt oder doch zurück in die Spur findet – im Kino erfahrt ihr es.

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