Berlinale 2017 – Von Träumern, Schwätzern und vier alten Freunden

Treffen sich Hirsch und Hirschkuh im verschneiten Winterwald. Umkreisen einander, folgen einander, trennen sich und finden sich wieder. Keiner will ohne den anderen die Wasserstelle erreichen. Im ungarischen Wettbewerbsbeitrag „Testrol és lélekrol“ (On Body and Soul) von Ildikó Enyedi nehmen wir behutsam die ausgelegte Fährte auf. Schauen und lauschen auf die Geräusche des Waldes.

Die Träumer vom Schlachthof

Die scheue Marika tritt ihren neuen Job als Qualitätskontrolleurin in einem Budapester Schlachthof an. Das Blut spritzt, die Bullenköpfe rollen. Dort trifft sie auf den in die Jahre gekommenen Wirtschaftsdirektor mit gelähmtem linkem Arm. Ihre Andersartigkeit, Genauigkeit und Schweigsamkeit fällt nicht nur ihm auf. Nacht für Nacht teilen die beiden einen gemeinsamen Traum. Durch eine interne Befragung zur innerbetrieblichen Mentalhygiene wird das Geheimnis enthüllt. Beide nehmen den Faden auf. Schauen, lauschen, versuchen die Hürden, die sie trennen, zu überwinden. Mit schneewittchenhafter Scheu und Neugier nimmt Marika (Alexandra Borbély) den Kampf gegen die eigenen Dämonen auf. Der versehrte Wirtschaftsdirektor (Géza Morcsányi) entdeckt die Liebe noch einmal neu.

Die intensive Kameraarbeit von Máté Herbai umkreist Mensch und Tier. Erfasst geduldig jede Regung. Kein Hauch ist zu unbedeutend, um nicht eingefangen zu werden. Bis zuletzt bangt man um die Liebenden vom Schlachthof. So zart und überirdisch zerbrechlich sind die geknüpften Bande. Werden die beiden rechtzeitig zueinander finden? Wird uns dieses märchenhafte Glück geschenkt? Im Schatten steht schon lange der dunkle Ritter in Gestalt von Schlachter Sandor und macht unserem Schneewittchen Angst und im Wald, da lauern die Jäger.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Treffen sich vier zum Abendessen und spielen verbalen Bürgerkrieg. So zwei Stunden zu sehen und vor allem zu hören in „The Dinner“ von Oren Moverman (The Messenger – Die letzte Nachricht) mit Richard Gere, Laura Linney, Steve Coogan, Rebecca Hall und Chloë Sevigny.

Paul und Stan sind ein ungleiches Brüderpaar. Erfolgreicher Politiker der eine, frustrierter psychisch kranker Ex–Lehrer der andere. Nebst Gemahlinnen nehmen sie an einem Tisch Platz, um ein lächerlich dekadentes Mahl zu verspeisen und eine Tragödie – angerichtet von den verzogenen Söhnen – zu verhandeln. Außer hohlen Phrasen und verbalen Tiefschlägen hat keine der Figuren etwas zu bieten. Die Beschissenheit der Welt, hier zeigt sie sich wohltemperiert und abgehangen. Am Ende der Schlacht kann nur eine weitere monströse Lüge stehen. Man möchte nicht eine Minute länger als nötig mit diesen Schwätzern zu Tisch sein und der metaphorisch überladenen Kriegsrhetorik zuhören müssen.

Welcome back – Renton, Sick Boy, Begbie und Spud!

Die Auswahlkommission der Berlinale hat Mitleid mit den anwesenden Journalisten und platziert nach diesem cineastischen Querschläger „T2 Trainspotting“ von Danny Boyle außer Konkurrenz im Wettbewerb.

Jungs, wie die Zeit vergangen ist! Renton (Ewan McGregor), Spud (Ewen Bremner), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle) treffen nach 20 Jahren in Edinburgh wieder aufeinander. Einige alte Rechnungen sind offen geblieben. Während sich Renton mit einem Großteil der Beute aus einem Heroindeal nach Amsterdam abgesetzt hat, ist der Rest der Gruppe irgendwie hängen geblieben. Begbie, die alte Frohnatur, ist im Knast, Spud auf Droge und Sick Boy in der heruntergekommenen Spelunke seiner Tante. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit kleinen Erpressungen.

Gemeinsam mit Renton will Sick Boy neue Geldquellen erschließen. Begbie brennen wie immer die Sicherungen durch und Spud kann ein wenig Hilfe gebrauchen. Die Röhrenjeans sind mittlerweile ein, zwei Nummern größer geworden und die Helden ein bisschen müde, aber das sind ihre Fans von einst ja auch. Die Wartezeit bis zum offiziellen Filmstart verkürzen spielend Teil 1 und der T2–Soundtrack. In diesem Sinne: „Choose life. Choose a job. Choose a career. Choose a family. Choose a fucking big television …“

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