DOK Leipzig 2016: Verzauberte Wälder, müde Lehrer und Männer mit Strumpfmasken

Angehende Lehrer am Rande des Nervenzusammenbruchs, geheimnisvolle Sagen aus dem hohen Norden, eine Reise mit seltsamen Männern auf die dunkle Seite des Internets und späte Mutterliebe – im Blog stellen wir vier weitere Filme aus dem offiziellen Programm des DOK Leipzig 2016 vor.

Das Lied von Schnee und Eis

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Filmstill: Kaisa’s Enchanted Forest (Kuun metsän Kaisa) von Katja Gauriloff

Wie kommen die Legenden aus einer goldenen Zeit zu uns? Einer Zeit, die keine Kriege kennt? Märchen, tief verbunden mit den mythischen Bildern verwunschener Wälder? Geschichten, die uns das Nordlicht erklären und die Angst der Wölfe? In einem Fiebertraum rufen seltsame Wesen nach dem in St. Petersburg geborenen Schweizer Schriftsteller Robert Crottet. Er folgt dem Locken seiner Traumbilder hoch hinauf in den Norden. Bei den finnischen Skoltsamen am Polarkreis findet er in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine neue Heimat und begegnet der Erzählerin Kaisa. Viele Kinder hat sie geboren, Robert wird eins von ihnen. Kaisa nimmt ihn auf. Berichtet ihm aus ferner Zeit als Mensch und Natur noch eins waren. Crottet protokolliert die Sagen und Legenden, schreibend macht er sie sich zu eigen. Zeit seines Lebens fühlte er sich dem halbnomadisch lebenden Volkstamm tief verbunden. Hier findet der Reisende die schmerzlich vermisste Heimat. Nach dem zweiten Weltkrieg wird Crottet wichtigster Unterstützer der vertriebenen Skoltsamen.

Kaisas Ur-Enkelin Katja Gauriloff entführt in “Kaisa’s Enchanted Forest” (Kuun metsän Kaisa) mit historischem Bildmaterial, verwoben mit märchenhaften Animationen von Veronika Besedina und original Tonspuren, in eine aus der Welt gefallene Zeit. Wir scharen uns um Kaisa und lauschen staunend ihren Geschichten.

Kaisa’s Enchanted Forest (Kuun metsän Kaisa) von Katja Gauriloff, Internationales Programm, Internationaler Wettbewerb Animierter Dokumentarfilm, Finnland, 2016, 62 Minuten

Angst essen Lehrer auf

Es herrscht Lehrermangel in Deutschland – nach Jakob Schmidts „Zwischen den Stühlen“ über drei Referendare am Rand des Wahnsinns werden die zahlreichen Lehramtsstudenten im Publikum ganz sicher auch noch einmal ganz genau über berufliche Alternativen nachgedacht haben.

Nach Jahren der Theorie an den Hochschulen werden die angehenden Lehrer vor Klassen gestellt. Gymnasium, Gesamtschule, Grundschule – drei Schularten, drei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die wir begleiten dürfen. Einerseits soll bereits unterrichtet werden, andererseits sind die Auszubildenden selbst ständig Beobachtung und Prüfungssituationen ausgesetzt. Während der eine forsch und hart vor die Klasse tritt, besteht Anna an ihrer Grundschule nur aus Angst und an der Gesamtschule ist sowieso die Hölle los. Der Burnout ist hier nur eine Frage der Zeit. Alle drei müssen sich in einem pädagogischen System einrichten, das immer nur das Mittelmaß will und nie den ganzen Menschen sieht. Anspruch und Wirklichkeit bringen alle drei an ihre Grenzen. Ein Film nicht nur für Eltern, Lehrer und Schüler. Viele Lacher während des Films und zurecht stürmischer Applaus nach der Vorführung für die Macher!

Zwischen den Stühlen von Jakob Schmidt, Deutscher Wettbewerb, Deutschland, 2016, 100 Minuten

Die dunkle Seite des Internets

Waffen, Drogen, Kinderpornographie, Auftragskiller, Kannibalismus – Tzachi Schiff und Duki Dror gehen mit uns auf eine Reise “Down the Deep, Dark Web”. Der Weg führt zunächst in ein virtuelles Sodom und Gomorra. Alles, was wir über das Darknet zu wissen glauben, unser Reiseleiter, der amerikanisch–israelische Filmemacher Yuval Orr, findet es. Gemeinsam mit ihm quetschen wir uns zwischen zwei maskierten Männer in ein Berliner Taxi. Werden sie mehr über das Darknet zu erzählen haben als Sex and Crime? Schritt für Schritt taucht Orr in eine nicht nur technisch hermetisch abgeriegelte Welt ein.

In totalitären Systemen ist das Darknet oft die einzige Möglichkeit für Oppositionelle, Informationen auszutauschen. Kritische Journalisten und Whistleblower organisieren Kommunikation und Datenaustausch über das Dark Web. Utopisten träumen von virtuellen Staaten. Die beschriebenen Szenarien und Zukunftsvorstellungen klingen dabei häufig genauso verrückt wie die Horrorszenarien von Regierungsvertretern, die das Volk gefügig machen sollen. Paranoia und Misstrauen auf allen Seiten. In Tech–Sprech mit schwarzer Sonnenbrille und Mundschutz oder schwarzer blickdichter Strumpfmaske vor dem Gesicht, wirkt es wahlweise cooler und anarchistischer oder einfach nur total bescheuert.

Für eine funktionierende Gesellschaft benötigen wir Privatsphäre, damit Ideen und Utopien ohne totale Überrwachung entstehen und sich entwickeln können. Die Idealvorstellung von Privatsphäre, wie Aktivisten und Cryptographen sie sich wünschen, ist das wesentliche Gegengewicht zum gegenwärtigen Überwachungswahn. Nur weil etwas Schlimmes passieren könnte, werden Datenmengen ungeheuren Ausmaßes gehortet. Da es nie möglich ist, etwas Schlimmes auszuschließen, gibt es für die Sammelwut keine Grenzen. Ein Film für Einsteiger, als Zustandsbeschreibung ohne Lösungsvorschläge. Schnittmengen beider Welten gibt es hier nicht.

Down the Deep, Dark Web von Tzachi Schiff und Duki Dor, Internationales Programm, Israel/Frankreich, 2016, 56 Minuten

Ganz die Mama?

Für die schweizer Filmemacherin Dominique Margot ist es kein Kompliment, wenn Menschen ihre Mutter in ihr sehen. Als Dominique noch ein Kind ist, wird die Mutter krank. Erschöpft zieht sie sich ins Schlafzimmer zurück, um es erst Monate später wieder zu verlassen. Sie isst nicht, wäscht sich nicht, wechselt die Kleidung nicht mehr. Schwermut und Depression liegen seit Generationen in der Familie – als es gar nicht mehr geht, wird die Mutter zum Bruder in die Berge gebracht. “Looking Like My Mother” ist ein weiterer Film im Programm des DOK Leipzig, der sich mit der eigenen Familiengeschichte des Filmemachers auseinandersetzt. Dominique Margot geht auf Spurensuche in der Vergangenheit, um die eigene Angst, so zu werden wie die Mutter, besser verstehen zu können.

Wie ein Magnet des Grauens zieht die Krankheit die Mutter immer wieder über Wochen und Monate in ein tiefes schwarzes Loch. Aus der lebenslustigen weltgewandten Frau wird ein Wrack. Für die Tochter entschwindet die Mutter als Geisterkönigin in ihr eigenes Reich. Erst nach dem Tod des Vaters wird sich Dominique Margot um eine stationäre Behandlung bemühen. In der Klinik, die die Mutter aufnimmt, hat sich Jahre zuvor ihre Schwester erhängt. Im Film erfahren wir nur andeutungsweise, warum nicht schon viele Jahre vorher Hilfe gesucht wurde.

Dokumentarische Fragmente im Wechsel mit nachgestellten Szenen skizzieren den Lebensweg der Mutter, eine dramaturgische Entscheidung, die nicht immer gelungen ist. Margot wagt es noch nicht, wirklich in die Tiefe zu gehn. Der Film reflektiert erzählerisch die eigene Unsicherheit. Die ersten Schritte zur Aussöhnung und Heilung der eigenen Familiengeschichte scheinen aber getan.

Looking Like My Mother von Dominique Margot, Next Masters Wettbewerb, Schweiz, 2016, 78 Minuten

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