DOK Leipzig 2017: Beten und Arbeiten – Die Filmtipps Teil 1

Dem DOK Leipzig ist es im Jubiläumsjahr gelungen, mit der Niederländerin Heddy Honigmann eine der einflussreichsten und relevantesten Dokumentarfilmerinnen der Gegenwart für die Arbeit in der internationalen Jury zu gewinnen. Noch vor Beginn des offiziellen Festivalprogramms ist ihr 2008 in Leipzig unter anderem mit der Silbernen Taube, dem Fipresci– und dem Ökumenischen Preis ausgezeichneter Dokumentarfilm “El Olvido“ (Oblivion– Das Vergessen) im UT Connewitz zu sehen.

Die in Lima geborene Filmemacherin Heddy Honigmann kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück. Trifft Handwerker, Barkeeper, Mühselige und Beladene, Menschen voller Hoffnung und voll Schmerz. Sie haben Staatsstreiche, Korruption und Größenwahn überlebt, trinken Froschsaft und verzaubern in einem einzigen Moment die nächtlichen Straßen der peruanischen Hauptstadt in einen Ort voll Poesie. Honigmann öffnet ein Fenster zu einem vergessenen Land und seinen Menschen. Gibt ihnen Raum, Zeit, Gesicht und Stimme, trägt ihre Erinnerungen in die Welt und bewahrt sie. Ihre Filme sind immer ein Glücksfall für die Protagonisten, ganz besonders aber für die Zuschauer.

Das DOK Leipzig zeigt “Oblivion” (El Olvido) von Heddy Honigmann im Rahmen des Jubiläumsprogramms “Now and Then – Then and Now” am 27. Oktober 2017, ab 22 Uhr im UT Connewitz. Der Eintritt ist frei.

Happy Birthday, Muhi

Der siebenjährige Muhi leidet an einer Autoimmunerkrankung. Der Sohn eines Hamas-Aktivisten kann nur in einem israelischen Krankenhaus behandelt werden. Friedensaktivist Buma hat die Behandlung des Kindes außerhalb von Gaza ermöglicht. Im Alter von zwei Jahren wurden Muhi Hände und Füße amputiert. Lediglich sein Großvater Abu Naim durfte ihn kurz nach seiner Geburt in die Klink begleiten. Aus Sicherheitsgründen ist es ihnen in den ersten sechs Jahren nicht gestattet, das Gebäude zu verlassen. Besuche durch Mutter und Großmutter sind nur stark eingeschränkt möglich und scheitern immer wieder an den Grenzübergängen.

Rina Castelnuovo–Hollander und Tamir Elterman begleiten Muhi und seinen Großvater über zwei Jahre durch den Klinikalltag, Behandlungsfortschritte und tiefe persönliche Rückschläge.

Muhi has lived in an Israeli hospital for 7 years, unable to return to his family in Gaza, where the shattered healthcare system cannot treat his condition. This film will start conversations. This campaign will MAKE A DIFFERENCE. Join us to get Muhi's story out to the world and raise funds to secure Muhi's future! Help us by Liking, Sharing, Posting, Contributing– bit.ly/ForMuhi#israelifilms #israelpalestine #palestinianchildren #betweentwoworlds #wheretheresawill #ittakesavillage #fosteringdialogue #startingconversations #believeinfilm #beinspired #MuhiGenerallyTemporary @Medalia Productions with @Rina Castelnuovo, Tamir Elterman, Hilla Medalia, @Buma Inbar

Posted by Muhi – Generally Temporary on Montag, 24. April 2017

Die Fröhlichkeit Muhis, die liebe des Großvaters zu seinem Enkel und die tiefe Freundschaft mit dem gleichaltrigen Buma lassen Abu Naim die Gefangenschaft im Krankenhaus ertragen. Die Besuche seiner Frau und seiner Tochter, Muhis Mutter, sind seltene Abwechslungen im Klinikalltag. Ein Picknick auf Ebene drei im Parkhaus stellen einen Moment der Privatheit her. Die politische Situation bleibt angespannt, die Einschläge kommen näher.

Die persönliche Tragödie spitzt sich zu, als Abu Naims 15-jähriger Sohn bei einem Raketenangriff in Gaza schwerst verletzt wird. Krieg und Feindschaft nehmen keine Rücksicht auf persönliche Einzelschicksale. Muhis Vater verlangt die Rückkehr seines Sohnes in die fremde Heimat, was seinen sicheren Tod bedeuten würde. Immer schmerzlicher wird dem heranwachsenden Muhi jeder Abschied von den wenigen geliebten Menschen, die ihn besuchen dürfen.

“Muhi – Generally Temporar“ ist ein leises und zutiefst menschliches Plädoyer für Liebe und Versöhnung, über alle Grenzen und Religionen hinweg. Ohne Resignation begehen Muhi, Abu Naim und Buma jeden neuen Tag. Die Zukunft von Muhammad und seinem Großvater in Israel ist ungewiss.

Muhi – Generally Temporary von Rina Castelnuovo–Hollander und Tamir Elterman, Deutscher Wettbewerb, Israel / Deutschland, 2017, 86 Minuten.

Sprich gegen die Wand

Schmerz, Verlust, Lebensfreude – die Klagemauer in Jerusalem erträgt alles und alle. Flip–Flops, High Heels, nackte Füße, orthodoxe Juden, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte, grell geschminkte Partygirls, Bräute, kleine Mädchen mit rosa Blumen im Haar– alle sind willkommen. Für Filmemacherin Moran Ifergan wird die Mauer zum Zufluchtsort in einer Lebenskrise. Sie widersteht den Einladungen von Freunden und Familie, die sie zur Zerstreuung in die Partystadt Tel Aviv locken wollen.

Ort des Gebets und Magnet für Touristen. Männer und Frauen getrennt durch einen Sichtschutz. Abgeschnitten voneinander, wie die einst Geliebten in den zahllosen gescheiterten Beziehungen, über die Moran in Telefonaten mit Freunden und Geschwistern spricht. Betrogene Frauen, an denen die eigenen Männer keinen Gefallen mehr finden. Die aber auch nicht mehr bereit sind, ein liebloses Leben zu ertragen. Die Kamera verweilt in den Falten eines Kleides, auf Gelnägeln, dem Schleier einer Betenden, einer nackten Ferse über schwarzen Pumps. Und immer wieder auf dem spröden Gestein der Mauer, das alles gesehen und noch mehr gehört hat. Innehalten, schauen und weitermachen.

Religiöse Eventtouristen mit nervöser Erlösungshoffnung mischen sich im Flutlicht unter schwer bewaffnete Sicherheitskräfte und Schulkinder, die kokett in die Kamera blinzeln. Die Angst vor Anschlägen ist allgegenwärtig. Am Jerusalemtag wird der Vorplatz an der Klagemauer zur politisch aufgeladenen Partyszene.

Tag und Nacht, Sonnenschein und Regen – Moran harrt geduldig mit ihrer Kamera an der Mauer aus. Ihre Ehe zerbricht, Mutter und Schwester müssen in der Stunde größter seelischer Not getröstet werden. Das Leben an der Mauer geht weiter. Benetzt von Rotz und Tränen, berührt von unzähligen Händen und betenden Häuptern, beladen mit Zetteln voller Sehnsüchte und Fürbitten. Am Ende des Tages kratzen Arbeiter die Notizen aus den Fugen, fegen gefaltetes Papier zusammen, tragen die Wünsche in schwarzen Plastiksäcken zur Deponie. Machen Platz für neue Hoffnung – auch für Moran.

The Wall (Hakir) von Moran Ifergan, Next Masters Wettbewerb, Israel, 2017, 64 Minuten. https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=16938&title=Wall

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