DOK Leipzig 2017: Die stärkste Frau der Welt

Wer bin ich und wo ist mein Platz in der Welt? Filme im Programm des DOK Leipzig konfrontieren mit den großen Fragen des Lebens. Dabei rückt das einzelne Individuum in den Fokus der Kamera. Im Kleinen werden Krisen, Brüche, Schmerz und ihre Überwindung erfahrbar. Der eigenen Biographie eröffnen sich neue Horizonte und Möglichkeiten.

Gwendolyn Leick ist Anthropologin. Promoviert hat sie über Flüche im alten Babylonien. Die gebürtige Österreicherin lebt seit 1975 in London. Im Alter von 52 Jahren hat sie ihre Leidenschaft für das Gewichtheben entdeckt und bereits zahlreiche internationale Titel und Rekorde erkämpft. Eine Krebserkrankung wirft sie im Training immer wieder zurück. Sie hat bereits mehrere Operationen im Bereich des Schädels hinter sich. Eine wulstige Narbe zieht sich über den Hals bis hinter das Ohr. Ein Teil ihres Gesichtes ist gelähmt. Gwendolyn spricht mehrere Sprachen fließend. Die zerbrechlich wirkende Frau mit dem silberweißen Haar muss sich erneut einem Eingriff unterziehen. Gemeinsam mit ihrem aufmerksamen Trainer Pat bereitet sie sich trotz der körperlichen Strapazen der Erkrankung diszipliniert auf die Europameisterschaften in Aserbaidschan vor.

Ruth Kaaserer nähert sich ihrer Hauptfigur zurückhaltend. So bleibt Raum für die Entfaltung ihrer anfänglich spröden intellektuellen Heldin, die mehr und mehr an Wärme und Vielschichtigkeit gewinnt. Gwendolyn arbeitet an einem neuen Buch, ihr erwachsener Sohn, mit dem sie sich die Wohnung teilt, sitzt daneben und näht. Kaaserer fällt in “Gwendolyn”, den das DOK Leipzig 2017 im Internationalen Wettbewerb zeigt, nicht mit der Tür ins Haus. Sie respektiert Gwendolyns feine Distanziertheit.

In Pats altmodischem Gym hat Gewichtheben nichts von anabolika–aufgepumptem Gewaltsport. Seine Athleten jeden Alters sind elegant in der Bewegung und aufmerksam zurückhaltend in der Kommunikation. Gwendolyn ist stark, autonom und tief verbunden mit ihrer Familie und ihrem Lebenspartner. Sie verkörpert Haltung und Neugier. Sie ist zugewandt und interessiert. Eine inspirierende, einzigartige und ermutigende Persönlichkeit – nie hat man mehr bei einer EM im Gewichtheben mitgefiebert.

Gwendolyn von Ruth Kaaserer, Internationaler Wettbewerb, Österreich, 2017, 85 Minuten.

Preis der Freiheit

Was bist du bereit für deine Freiheit aufzugeben? Der junge Kei hat den Militärdienst verlassen, das Studium aufgegeben, sich den Wünschen der Eltern verweigert und für ein Leben auf den Straßen Kyotos entschieden. Mit seinem ganzen Sold in den Taschen verlässt er die Enge des heimatlichen Dorfes. Kei liebt klassische Musik. Die späten Romantiker tragen ihn davon. Er versinkt in der Musik wie in tiefem Wasser. Verlorene und vermisste Emotionen überwältigen ihn. Ein Träumer, der sich den Menschen verpflichtet fühlt. Die Rebellion eines Überangepassten im Erwachsenenalter.

In “A Free Man” begleitet Andreas Hartmann Kei durch die Straßen der alten Kaiserstadt. Filmt über die sprachliche Barriere hinweg – Hartmann spricht kaum japanisch – intuitiv Keis Begegnungen mit Menschen und Orten. Wie lange der Traum vom harten freien Leben auf der Straße funktioniert, weiß er nicht. Wenn er ihn verliert, muss er zurück in ein Leben mit Job und Auto.

A Free Man von Andreas Hartmann, Escaping Realities, Deutschland / Japan, 2017, 75 Minuten.

Andere Leute sind wie andere Leute

Sule, Orhan, Sinan und Bahar aus Belgien und den Niederlanden zieht es zurück in die Heimat der Großeltern. Istanbul ist die gelobte Stadt, der Sehnsuchtsort an dem sich Identitäts– und Jobkrise in Wohlgefallen auflösen sollen. Von 2011 bis 2015 begleitet Volkan Üce in “Displaced” die vier jungen Menschen bei dem Versuch, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Sule wäre gerne Sängerin und Autorin von Astrologie–Ratgebern, landet aber im Call–Center. Sinan engagiert sich im Gezi–Protest. Bahar beschreibt sich in der fremden Heimat über ein Gedicht von Charles Bukowski. Orhan blüht in der zunehmenden politischen Repression förmlich auf.  Volkan Üce bewegt seinen Film aus der euphorischen Naivität des Neuanfangs in einer schillernd pulsierenden Metropole hin zur kleinen Privathölle in einem winzigen Single–Appartement.  Das Pflaster in Istanbul ist hart. Jeder der vier Protagonisten muss sich am Ende die Frage stellen: Gehen oder bleiben?

Displaced von Volkan Üce, Internationales Programm, Belgien, 2017, 71 Minuten.

Liebe ist eine warme Mahlzeit

Um die eigene Biographie und ihre Brüche besser verstehen zu können, müssen wir wissen, woher wir kommen. Die kollektive Not, der Verlust und Schmerz, die Kargheit und der Hunger, die unsere Vorfahren geprägt haben, sind in unsere Körperzellen eingebrannt. Als die Mutter, schwerst krank, die Sprache und die Kontrolle über ihren Körper verliert wird Filmemacherin Aliona van den Horst schmerzlich bewusst, welche Fragen sie versäumt hat zu stellen. Gleichzeitig erreicht sie aus Russland die Nachricht vom Tod einer ihrer Tanten. Sie muss in die Ferne ehemalige Heimat der Mutter reisen, weil ihr Teile des alten Familienhauses gehören.

Um das alte Gebäude ist es schlecht bestellt. Und doch steckt es voller Erinnerungen. Berge von Schuhen, Decken, Büchern, Bildern, Kleidern, Geschirr und alte Briefe der Mutter an ihre Schwester lagern in dem morschen Holzhaus. Gemeinsam mit ihrer Cousine beginnt sie mit der Erinnerungsarbeit. Ein Leben voller Not, Hunger und schmerzlicher Verluste enthüllt sich. Jede der sechs Schwestern hat auf ihre Art versucht diesem harten Leben zu entkommen. Das Haus ist dabei der zentrale Ursprung und das Band der Familiengeschichte.

Aliona van den Horst gelingt in “Liefde is aardappelen” (Love Is Potatoes) eine kunstvolle Verbindung von Dokumentation und Animation. Karge Gemälde russischer Landarbeiter auf dem Feld werden von Simone Massis eindrucksvoll zum Leben erweckt.

Love Is Potatoes von Aliona van der Horst, Internationaler Wettbewerb, Belgien, 2017, 90 Minuten.

Auch noch sehenswert

Von Kühen und Menschen – Mick Catmull begleitet in “Dying Breed”ein Jahr lang Landwirte im westlichen Cornwall mit der Kamera. Ein warmherziger Blick auf das im Verschwinden begriffene traditionelle Landleben.

Impfbefürworter und Gegner holt David Sieveking (Vergiss mein nicht, David wants to fly) in “Eingeimpft” ab. Wie gewohnt mit ihm selbst als zentraler Hauptfigur.

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