Von der allmählichen Verflüssigung der Gedanken

„Aus der Erde sind wir genommen“ ist bestenfalls ein, von einer sekretfeindlichen Lobby verbreiteter Schöpfungsmythos. (Auch die Sache mit der Rippe darf angezweifelt werden, das wäre aber eine andere Geschichte und würde an dieser Stelle zu weit führen.) Tatsächlich sollte unser Augenmerk auf die undefinierbare  Ursuppe gelenkt werden – Freunde von Erkältungskrankheiten ahnen an dieser Stelle sicher bereits wovon ich spreche – der wir wie der Mann aus dem Meer entstiegen sind und zu der wir regelmäßig zurückkehren. So tropft und leckt es regelmäßig Winters wie Sommers aus allen menschlichen Körperöffnungen, und die verbliebenen Restknochen und das knötchenförmige Fettgewebe werden nur noch mühsam von ein wenig Haut zusammengehalten.

In diesem Zustand kann man, mit ein wenig Geschick und Fingerspitzengefühl, praktisch alles mit einem Menschen machen. Weniger Willenskraft und Realitätswahrnehmung ist selten. Gute Apotheker wissen das. Wankt der Virusträger in das Spezialgeschäft seiner Wahl und verlangt dort krächzend nach einem Grippemittel, um am Arbeitsplatz Funktionstüchtigkeit vortäuschen zu können, wird der mitleidige Fachverkäufer erst das gewünschte Produkt aus dem Regal fischen, um dann Fragen zur allgemeinen und speziellen Symptomatik zu stellen. Am Ende verlässt der Sieche das Fachgeschäft mit einer extra großen Tüte voller Auf- und Abbaupräparate und der Gewissheit, dass Liebe und Aufmerksamkeit doch käuflich sind. Als kleines Geschenk wechseln Desinfektionstücher den Besitzer. Diese wird man sich, aus Gründen des Arbeitsschutzes und der Fürsorge gegenüber Kollegen, mit kleinen Sehschlitzen versehen, an der Arbeitsstelle über das Gesicht legen. Die Hände baden dauerhaft in Näpfen mit Sterillium.

Nach dem positiven Einkauferlebnis ist an Arbeit sowieso nicht mehr zu denken. Von Stund an ist der Keimling nur noch damit beschäftigt, Medikamente unterschiedlichster Darreichungsform dem Körper, oder was davon noch übrig geblieben ist, zuzuführen, zwischenzeitlich mit Salbei oder Eibisch-Sud zu gurgeln, Stirn- und Kieferhöhlen mit Rotlicht zu bestrahlen, in der Duschkabine ein Erkältungssitzbad zu nehmen und mindestens 6-8 Mal am Tag jeweils 15 Minuten mit Kochsalzlösung zu inhalieren. Tee wird literweise konsumiert und direkt wieder ausgeschwitzt.

Die angeekelten Blicke der Kollegen sollten in diesem Zusammenhang nicht mit Mitleid verwechselt werden. Gestern noch vitaler, lebenslustiger Mittelpunkt heiterer Kantinenrunden, zeigt die Welt plötzlich ihre hässliche Fratze. Einsamkeit und Kälte werden das harte Brot des Infektiösen. „Ich halte heute mal besser Abstand zu dir“, wird zum Morgengruß des armen Kranken. Selbstmitleid kennt er glücklicherweise nur vom Hörensagen. Und wenn er nur wüsste wie, er würde mittun und sich selbst in der Ecke sitzen lassen und dabei laut rufen „Immunsystem, Immunsystem!“ Soll er sich doch alleine mit Halspastillen, extra flauschigen Taschentüchern, Naseninhalationssticks und dem angestauten Weltenekel vergnügen …

Wer weiß, wie diese temporäre Selbsttrennung vollzogen werden kann, möge sich bitte umgehend melden. Danke!*

 

*Autorin zieht sich an dieser Stelle bis auf weiteres in einen selbst angesetzten Kräutersud zurück.

4 Gedanken zu “Von der allmählichen Verflüssigung der Gedanken

  1. ml

    Weil ich das hier so lese: krank (im Sinne von krank) zur Arbeit oder ins Büro ist weder ökonomisch noch effizient – eher im Gegenteil.

    Wer krank ist, sollte das Bett hüten, wenn es geht alleine. Das ist besser und macht schneller wieder gesund.

  2. andrine

    wer so krank zur Arbeit geht, muss sich über solche Blicke und entspr. Bemerkungen von Kollegen nicht wundern. schließlich steckt er seine Kollegen an – schon das ist unzumutbar.
    2 – 3 Tage straff und allein im Bett hilft mehr als sich tagelang ins Büro etc. zu quälen.

  3. Mensch

    Sagt mal, wird die Zarte eigentlich fuer den geistlosen Rotz, den sie hier von sich gibt, bezahlt?

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