Allein unter Stachelbeeren: Premiere für Tschechows Ivanov am Schauspiel Leipzig

Anton Tschechow siedelt seinen Invanov in der russischen Provinz des 19. Jahrhunderts an. Ivanov lebt mit seiner todkranken Frau Anna Petrovna auf einem Landgut und flieht, so oft es geht, in die Gesellschaft der Lebedevs. Dort sammelt sich allerlei Volk, das kein Geld und keine Bedeutung mehr hat. Dort himmelt ihn Sascha, die Tochter des Hauses an. Und während Anna Petrovna an der verlorenen Liebe Ivanovs langsam zu Grunde geht, bahnt sich scheinbar ein neues Glück an, das die kunterbunte Gesellschaft in einen fiebrigen Taumel aus Euphorie, Neid und Selbstmitleid versetzt.

Ist Ivanov nur ein egozentrischer Jammerlappen? Oder doch eine tragische Figur, gescheitert an ihren Ambitionen, erledigt vom Hamsterrad um Macht, Geld und Liebe. Wobei letztere in der Welt von Nikolai Alexejewitsch für die meisten Menschen dasselbe ist – und kommt das eine abhanden, verliert auch das andere seinen Reiz. Regisseur Michael Talke inszeniert den Ivanov auf der Drehbühne als schwindelerregenden Kreislauf mit zum Großteil grellbuntem Personal. Im Zentrum des Universums eine Wand aus eingekochten Stachelbeeren, Sinnbild für die Gesellschaft im Weckglas. Am Rande, außerhalb des Geschehens, schläft, träumt und leidet Ivanov.

Schauspiel Leipzig, Rolf Arnold

Schauspiel Leipzig, Rolf Arnold

13 glänzend aufgelegte Schauspieler stellen sich im Laufe der gut zwei Stunden immer besser auf das Komödienhafte und die tragikomischen Momente der Aufführung ein. Hartmut Neuber schafft es, den halbseidenen Verwalter Borkin so schön schmierig zu spielen, dass man zwischen Faszination und Abscheu hin- und hergerissen ist. Matthias Hummitzsch gibt dem Läster-Onkel Sabelskij heruntergekommenen Charme und brummbärige Liebenswürdigkeit. Annett Sawallisch, dem Publikum als strenge Antigone vertraut, zeigt sich als nach Geld riechende Witwe Babakina: Vulgär, buchstäblich aufgeplustert, aber gänzlich uneitel in ihrem Spiel. Alle müssten genannt werden, denn Talkes Ivanov überzeugt als großartige Ensemble-Leistung.

Der Balztanz der bunten, traurigen Vögel wird immer wieder durchbrochen durch drei echte Menschen. Der von sich und der Welt gequälte Ivanov, dem Jonas Fürstenau mit präsziser Körpersprache und unaufgeregten Monologen eine überraschende Modernität gibt. Das gilt auch die Julia Berke als Anna Petrovna, die aufrichtig Liebende, eine Künstlerin der Verdrängung, bis ihr längt untreuer Gatte die Todesdiagnose ins Gesicht sagt. Und Pina Bergmann als Sascha, die so frisch und natürlich ihre romantischen Ideale lebt – und doch ein Kind dieser verdrehten Familie Lebedev bleibt.

Kopfschmerzen, Müdigkeit, Albträume, und kein Antidepressivum weit und breit. Heute würde man Ivanov zum Arzt schicken. Vermutliche Diagnose: Burnout, oder weniger schick: Depression. Regisseur Michael Talke hat in der öffentlichen Probe gesagt, dass ihn das an dem Stück reizt: Wie genau der Arzt Tschechow die Symptome der Depression in der Figur des Nikolai Alexejewitsch anlegt. Heute könnten Kur, Couch und Medikamente ihm helfen. In der weltfernen Einöde bleibt nur der Weg zurück in den ewigen Kreislauf aus Geld, Macht und Liebe – oder der Tod.

3 Gedanken zu “Allein unter Stachelbeeren: Premiere für Tschechows Ivanov am Schauspiel Leipzig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *