Pfeffi, Absinth und Rock'n'Roll- sechs Leipziger Kneipen im Porträt

Die muffige Eckkneipe, der Hipsterstammtisch, die schicke Cocktailbar – Leipzigs Kneipenlandschaft ist vielfältig und sie wächst. Während die Schankwirtschaften sachsenweit weniger werden, eröffnen in der Messestadt ständig neue Bier-Treffs. Wir  stellen sechs besondere Lokale aus den unterschiedlichsten Ecken der Stadt vor. Ob Irish Pub, Kulturklitsche oder Absinth-Absteige: Auf unserer Tour geben wir einen Einblick in Leipzigs facettenreiche Kneipenszene, sprechen mit Wirten, Stammgästen und Gastro-Experten – und verkosten das Schankbier.

Frau Krause

Die Eckkneipe wie zu DDR-Zeiten. Zur Frau Krause

Noels Ballroom

Das urige Irish Pub mit Tanzsaal. Zu Noels Ballroom

Absintherie Sixtina

Die Bar mit dem einst verbotenen Getränk. Zur Absintherie Sixtina

Zur Tenne

Das Gasthaus mit Kabarett-Vorstellungen. Zum Gasthaus Tenne

Falco Bar

Die schicke Cocktailbar über den Dächern der Stadt. Zur Bar Falco

Dr. Seltsam

Die Fahrradwerkstatt mit Mehrwert. Zum Dr. Seltsam

Morgens schrauben, abends trinken – das Dr. Seltsam in Plagwitz

Als Kneiper im belebten Leipziger Westen ein Alleinstellungsmerkmal zu etablieren, ist schwierig. Schließlich ziehen die Stadtteile Plagwitz und Lindenau seit Jahren Scharen von jungen Menschen an, die sich zwischen Karl-Heine-, Merseburger und Zschocherscher Straße verwirklichen wollen. Alexander Murawski von der Bar „Dr. Seltsam“ hat eine Nische gefunden. Denn während hier abends Bier und Schnaps die Kehle herunterfließen, wird tagsüber an Fahrrädern geschraubt. In rustikal-gemütlicher Atmosphäre schlürfen Nachtschwärmer ihr Bier – inmitten von Rädern und Werkzeugen.

„Das Dr. Seltsam gibt es seit knapp acht Jahren“, sagt Alexander Murawski und zieht an seiner Zigarette. Etwas knurrig und zugleich sympathisch erzählt der Chef des Dr. Seltsam, wie sich das Viertel mit der Zeit entwickelt hat: „Der Kiez hat sich definitiv verändert. Er ist vor allem bunter, voller und jünger geworden. Als wir angefangen haben, gab es hier praktisch nichts, außer einer Menge Leerstand.“ Der Zuzug habe vor allem mit den Künstlern zu tun, die sich nach und nach in der Gegend niedergelassen haben, so Murawski.

Die Idee zu einer Kneipe, in der tagsüber geschraubt wird, kam ihm durch seine Arbeit als Fahrradkurier. Rasch war dann auch die Örtlichkeit im Herzen des Leipziger Westens gefunden. Schnell etablierte sich das Dr. Seltsam – zumindest im Untergrund. Denn die Bar-Werkstatt wendet sich auch mit seinem musikalischen Programm an ein besonderes Publikum. „Wir sind Subkultur und wollen auch Subkultur bleiben“, so der Wirt. Verschiedene DJs legen im hinteren Bereich des Ladens Platten auf, aber auch Live-Konzerte stehen auf der Agenda. „Wir machen viel Elektronisches, aber auch Heulsusenmusik bis hin zur Garagenband.“

 Alexander Murawski erklärt, wie er zu seiner Kneipe kam.

Tatsächlich verdienen Murawski und seine zwei Kollegen in etwa gleich viel mit den Fahrradreparaturen und dem Bargeschäft. „Das hält sich in etwa die Waage, beides sind Saisongeschäfte. Wir verleihen Bikes und bauen auch eigene Anfertigungen nach Kundenwunsch“, sagt Murawski. So etwas wie Stammgäste hat das Dr. Seltsam nicht, und es strebt auch nicht danach. „Wir wollen keine Eckkneipe sein.“ Davon ist die Bar in der Merseburger Straße allerdings auch weit entfernt. Schummriges Licht, eine vollgeklebte und -gesprühte Fassade sowie eine gute Bierauswahl – Wicküler, Haake, Bayreuther – lassen darauf schließen: Hier treffen sich die coolen Kids.

Abende im Dr. Seltsam, dessen Name auf einen Film von Regisseur Stanley Kubrick zurückgeht, erweisen sich für viele Besucher als echte Zeitlöcher. Oft geht es hier bis fünf Uhr morgens. Auch wenn Murawski schon lange dabei ist, hat er noch neue Ideen im Köcher. „Im kommenden Sommer wollen wir im Innenhof einen Freisitz eröffnen, gemeinsam mit dem Fahrradverleih.“ Während wir uns verabschieden, schieben zwei junge Frauen den schweren Vorhang vom Eingang zur Seite. Mit starkem spanischen Akzent erkundigt sich eine der beiden, ob schon geöffnet sei. „Na klar, kommt rein“, entgegnet der Wirt und räumt einen Schraubenzieher zur Seite. „Was möchtet ihr trinken?“

Dr. Seltsam

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Dr. Seltsam

Merseburger Straße 25

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 11 bis 5 Uhr, Samstag 12 bis 5 Uhr, Sonntag 18 bis 3 Uhr
0,5 Liter Bier ab 2,40 Euro

Dr. Seltsam

Woher kommt der Begriff Kneipe?

Die Kneipe ist eine Gaststätte, in der hauptsächlich Bier und andere Getränke konsumiert werden. Der Begriff ist eine Verkürzung der Kneipschenke und stammt aus dem
18. Jahrhundert. Dabei handelte es sich um Räume, die so eng waren, dass die Gäste zusammengedrückt sitzen mussten. Die Herkunft des Wortes leitet sich vom mittelhochdeutschen „knipen“ ab, was „kneifen“ bedeutet.

Kippe, Bierchen, Pfeffi: Frau Krause ist die Kultkneipe in Connewitz

Die Tische abgeschrammt, der Fußboden aus dunklem Linoleum, die Wände holzvertäfelt: Wer „Frau Krause“ betritt, reist in die Vergangenheit. Denn die Einrichtung der kultigen Connewitzer Eckkneipe ist seit den 50er-Jahren praktisch unverändert. Vor dem Tresen steht ein abgewetzter Treteimer, hinterm Tresen, am Zapfhahn steht Peter König, 50 Jahre alt, Chef des Lokals, Kapuzenpulli, Dreitagebart.

Für einen Kneiper spricht König auffällig leise, immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Jedenfalls wenn er erzählt – von früher, von Frau Krause, mit der der gebürtige Connewitzer in den 80ern hier Pfeffi trank. 1953 übernahm Hannelore Krause die Kneipe von ihren Eltern. Offiziell hieß das Lokal „Marienburg“, benannt nach der Kreuzritterfestung in Ostpreußen. „Den Namen kannte aber keiner. Alle haben immer gesagt, sie gehen zu Frau Krause“, erzählt Peter König, greift zu der Schachtel F6, die auf dem Tisch liegt und steckt sich eine Zigarette an.

König ist damals Stammgast in der schmuddeligen Bierkneipe. Er kennt Frau Krause gut. „Ihr Mann saß immer in seiner Lammfellweste hinterm Tresen“, erinnert er sich. Sie bediente, wenn sie Lust hatte. So mancher Gast wartete auch mal eine ganze Stunde auf sein Bier. Die Kellnerin heranpfeifen, Füße auf den Stuhlrand stellen – so etwas durfte man in ihrer Kneipe nicht, erzählt König. Und doch: „Wenn sie einen gemocht hat, war sie eine herzensliebe Frau.“ Wen sie nicht mochte, dem begegnete sie eher knurrig, sagt er. Zum Beispiel, wenn es jemand wagte, eine Cola zu bestellen. Das Zuckergetränk hielt Hannelore Krause für ungesund, es wurde deshalb von der Karte verbannt. Gegen Bier und Kirschlikör hatte die Chefin dagegen nichts einzuwenden.

Im hinteren Gastraum saßen zu DDR-Zeiten oft russische Offiziere aus der benachbarten Kaserne. „Die haben hier mit Frau Krause gesoffen“, sagt König und lächelt. Unter den Tisch trinken ließ sich die Kneiperin nicht: Auch nach diversen Schnäpsen habe sie sich nie verrechnet. 1999 verabschiedete sich Frau Krause in die Rente. Heute trifft man die 76-Jährige manchmal beim Nordic Walking in Connewitz an. Ihre alte Kneipe besucht sie einmal im Jahr.

Seit 2004 ist Peter König hier der Chef, gab dafür seinen Job als Heizungsinstallateur in Berlin auf. Sein Credo: Alles so lassen, wie es ist. Das Vorzeigeskatblatt von 1961 hängt noch immer an einer der speckigen Wände in dem schummrigen, holzvertäfelten Raum. Wenn eine Lampe kaputt geht, sucht König einen Ersatz, der in den Laden passt. „Das ist manchmal schwieriger als etwas Neues zu kaufen.“

Frei von Schnickschnack ist auch das Getränkeangebot. Club Mate sucht man vergebens. Stattdessen trinken die Gäste Altenburger, Ur-Krostitzer oder Staropramen und dazu – altbewährt – Kirsch, Pfeffi, Schierker Feuerstein.

„Wir sind bestrebt, dass es eine Bierkneipe bleibt und nicht allzu hipsterlastig wird“, sagt der Chef klipp und klar. Und meint: „Keen Schi-Schi, keen Schickimicki.“ Entsprechend schlicht ist auch die servierte Hausmannskost: Schnitzel, Ei,- und Fettstulle stehen auf der Karte. Und natürlich der Klassiker, den damals Frau Krauses Koch einführte: doppelt panierter Edamer, eine böhmische Spezialität. „Salat mit Hähnchenbruststreifen – damit tun wir uns schwer“, sagt König lakonisch.

Im Video erklärt Peter König, warum er sich in Frau Krause sofort verliebt hat.

Ansprüche, die dem Stammpublikum ohnehin abgehen. Ab und an verirren sich ein paar Erstsemester in die verqualmte Eckkneipe. Die kommen aber meistens nicht wieder. Es sind vor allem ältere Herren, die sich in dem urigen Lokal wohlfühlen. Die Hälfte seiner Gäste kennt er persönlich, sagt König. Selten muss er Leute rausschmeißen. Außer einmal, bei der Weihnachtsfeier vom Fußballclub „Roter Stern“. 200 Mann quetschten sich da in die Kneipe, es wurde bis morgens um acht getrunken, Abschlussprügelei inklusive. „Das ist aber die Ausnahme.“ König grinst und erzählt dann, dass auch Berühmtheiten schon einen Fuß in seine Kneipe setzten: der niederländische Sänger Herman van Veen, Dieter Meier von der Schweizerband „Yellow“ und der Schauspieler Uwe Steimle etwa.

Soko Leipzig dreht öfter hier und auch im Kinofilm „Als wir träumten“ ist „Frau Krause“ in einigen Szenen zu sehen. Regisseur Andreas Dresen inspizierte das Lokal einige Male, bevor er sein Team fünf Tage lang
filmen ließ.

Die urige Atmosphäre schätzen auch die Mitglieder der „Partei“ Alle drei Monate trifft sich die Ortsgruppe des Satire-Trupps hier zum Stammtisch bei Bier und Wodka. Auch an diesem Montag sitzen einige von ihnen an einem der Tische zusammen. Warum Frau Krause? „Ein etablierter Ort, erstklassiges Bier“, sagt ein Parteimitglied, das sich als Frodo (30) vorstellt. „Frau Krause ist eine Institution im Kiez. Wir sind eine Kiezpartei“, sagt Tom Rodig, 28 Jahre alt und Bundestagsdirektkandidat.

Die Mitglieder der „Partei“ erzählen, warum sie sich in der „Frau Krause treffen.

Aus Liebe zum Lokal versuchte die Partei zuletzt, die Simildenstraße in „Frau Krause ihre Straße“ umzubenennen. Der Antrag scheiterte zwar im Stadtrat, unter anderem, weil nur verstorbene Personen mit Straßennamen geehrt werden. Die örtliche Teil-Auto-Station aber übernahm die kreative Adresse. Tom Rodig gibt sich weiterhin kämpferisch. „Beim nächsten Mal klappt es bestimmt.“

Vorausgesetzt, bei ihrem nächsten Versuch gibt es das Bierlokal noch. Die hohe Miete macht Peter König zunehmend zu schaffen. 3200 Euro kalt zahlt er für die 110 Quadratmeter in dem unsanierten Altbau. In den letzten drei Jahren wurde die Miete um 150 Prozent erhöht, klagt der Wirt. Und das bei stagnierendem Umsatz. Schließlich könne er die Bierpreise nicht ständig weiter anziehen. „Südvorstadtpreise zahlt hier keiner.“ Trotz aller wirtschaftlichen Probleme ist König noch immer gern Kneiper. „Es macht eben saumäßig Laune“, sagt er und zieht an seiner Kippe. Und so führt er das Erbe von Frau Krause weiter. Verändert hat sich seither nur eines: Vor sieben Jahren bekam das Lokal einen Biergarten. Und der trägt die Handschrift von Peter König.

Frau Krause

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Frau Krause

Simildenstraße 8

Öffnungszeiten: täglich ab 17 Uhr
0,5 Liter Bier ab 2,90 Euro
Der berühmte panierte Käse kostet um die sechs Euro.

Frau Krause bei Facebook

„Kneipe ist für mich nichts Abwertendes“

Birgit Kratochvil, 54, arbeitet als Branchenbetreuerin Gastronomie bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Leipzig. Holm Retsch, 54, ist Geschäftführer des Leipziger Regionalverbands beim Deutschen Hotellerie- und Gaststättenverband (Dehoga). Die beiden Gastro-Experten sprechen über die Entwicklung der Leipziger Kneipenszene, die Probleme der Wirte und verraten ihre Lieblingskneipen.

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Was ist für Sie eine typische Kneipe?

Birgit Kratochvil: Kneipe ist für mich nichts Abwertendes, sondern ein Ort, an dem ich mich wohlfühle, wo ich gern verweile, mich mit Freunden und der Familie treffe. Kneipen sind meistens kleiner als Restaurants und sehr individuell. Gäste, die ständig kommen, haben eine andere Erwartung an den Wirt als im Restaurant, wo wechselnde Kellner bedienen.

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Was muss ein guter Kneiper können?

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Wie war es um die Kneipen zu DDR-Zeiten bestellt?

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Wie hat sich die Branche seit der DDR entwickelt?

Holm Retsch: Der große Unterschied ist, dass es heute viel mehr Kneipen gibt. Die Vielfalt ist aufgrund der Möglichkeiten, die es nach der Wende gab, ziemlich nach oben geschossen. Wir haben ja richtige Kneipenmeilen wie die Karli und die Gottschedstraße, die auch Touristen anlocken.

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Wie hat sich die Branche seit der DDR entwickelt?

Birgit Kratochvil: Zu DDR Zeiten gab es weniger Auswahl, heute haben Sie die Qual der Wahl. Die Leipziger Kneipenszene ist jetzt sehr viel abwechslungsreicher und zielgruppenorientierter, es gibt ganz klare Konzepte.

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Vor welchen Problemen stehen Kneiper heute?

Holm Retsch: Ein Problem ist das Arbeitszeitgesetz, das nicht zu unserer Branche passt. Danach darf maximal zehn Stunden am Tag gearbeitet werden. Wir fordern schon seit Langem eine Wochenarbeitszeit von 50 Stunden, die flexibel gestaltet werden kann. Manche Mitarbeiter wollen zum Beispiel gern zwölf Stunden am Tag arbeiten, damit sie nur vier Tage die Woche kommen müssen.

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Vor welchen Problemen stehen Kneiper heute?

Birgit Kratochvil: Es gibt eine Faustregel, nach der eine Kneipenmiete nicht mehr als acht bis zehn Prozent vom Umsatz sein darf. Wer 2000 Euro Kaltmiete zahlt, muss etwa 20.000 Euro Umsatz erwirtschaften, um einigermaßen auf eine schwarze Null zu kommen. Das ist bei kleinen Kneipen ganz schwer zu machen. Außerdem unterliegen viele Betriebe – gerade die mit großen Biergärten –  saisonalen Schwankungen, haben im Oktober und November wenig zu tun.

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Welche Auswirkungen hat der Mindestlohn auf die Kneiper der Stadt?

Birgit Kratochvil: Der Aufschrei kam natürlich von den Gastronomen. Allerdings ist der Mindestlohn in den Innenstadtkneipen nicht das Problem gewesen. Das Problem ist eher, dass mit der Einführung auch andere Kosten gestiegen sind, zum Beispiel bei Dienstleistern und Lieferanten.

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Würden Sie heute dazu raten, in Leipzig eine Kneipe zu eröffnen?

Holm Retsch: Wenn jemand ein gutes Konzept hat, könnte ich mir das durchaus vorstellen. Man braucht gewisse Grundvoraussetzungen, um erfolgreich zu sein. Wir beide haben es von der Pike auf gelernt und wissen, wovon wir reden.

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Würden Sie heute dazu raten, in Leipzig eine Kneipe zu eröffnen?

Birgit Kratochvil: Die IHK bietet Existenzgründerberatungen an. Bei mir landeten zuletzt viele interessante Konzepte auf dem Tisch. Wenn die konsequent umgesetzt werden, kann man auch seine Erfüllung finden. Wichtig ist es gerade für Quereinsteiger, die Tipps des Beraters zu beherzigen. Man darf zum Beispiel den Umsatz nicht mit dem Gewinn verwechseln. Am schlimmsten ist es, wenn jemand zu mir sagt: „Ich hab schon mal gekellnert und meine Frau kann gut kochen“ – das geht in 98 Prozent aller Fälle schief.

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Wie wird sich das Gewerbe in Zukunft entwickeln?

Birgit Kratochvil: Eine Gefahr für die Branche sehe ich darin, dass besonders in Kneipenmeilen wie der Karli, der Münzgasse oder der Gottschedstraße die Mieten immer höher werden.
Holm Retsch: Das ist kontraproduktiv für die Entwicklung weiterer Kneipenkulturen in Leipzig.

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Wie wird sich das Gewerbe in Zukunft entwickeln?


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Jetzt mal ehrlich: Welches ist ihre Lieblingskneipe?

Birgit Kratochvil: Ich gehe sehr gern ins Mephisto, weil dort noch ein alter Barkeeper vom Hotel Astoria arbeitet, wo ich früher auch mal gearbeitet habe. Toll ist auch die Pfefferkiste oder der Volkshain Stünz, das ist eine richtige Gartenkantine mit einem wunderschönen Biergarten und einer super Küche.

Holm Retsch: Das Cantona. Dort trinken wir nach einem Restaurantbesuch oft noch einen Absacker, denn es liegt auf dem Weg nach Hause.

Heimat der „Grünen Fee“: die Absintherie Sixtina im Seeburgviertel

Von außen das Flair einer Pariser Kneipe, im Innern gedimmtes Licht, nur die Bar mit dem Hochprozentigen strahlt stimmungsvoll im Hintergrund. Etwas Vintage, ein wenig wild präsentiert sich die reizend-finstere Absintherie Sixtina im ruhigen Seeburgviertel. Alte Zahnarztstühle schmücken den Gastraum, oberhalb der Eingangstür thront ein Skelett, in einer Holzvitrine reihen sich Pokale auf. Wave-Gotik-Atmosphäre durchzuckt den kultigen Schwarze-Szene-Treff, der bis vor drei Jahren noch in der Katharinenstraße sein Domizil hatte.

Frank Herrmann erklärt, was seine Kneipe auszeichnet.

Jessica Thürnagel, Marcel Hanke und ein paar Freunde treffen sich in der Sixtina regelmäßig. An diesem Montag stehen fünf Biere auf dem Tisch. „Wir haben eine Kneipe gesucht, in der man sich widerspiegelt“, so Jessica. Das Szene-Lokal sei ihre Welt. Gelegentlich wird hier gemütlich auch mal ein Glas Absinth gezecht. „Es ist eben kein 0815-Drink, für Absinth nimmt man sich Zeit“, sagt Marcel. „Absinth ist ein Getränk für Genießer, wie ein Wein“, meint auch Frank Herrmann. Als „alternativ-skurril“, illustriert der 47-jährige Wirt sein dunkelbuntes Kuriositäten-Kabinett und zupft an seinem wallenden Bart. Neben ihm hängt ein Wandbrunnen, hinterm Tresen im Regal stehen dutzende glänzende Flaschen, gefüllt mit giftgrünem Absinth, jenes Mythos-umringten, betörenden Schnapses, dem teuflische Kräfte nachgesagt werden, da er den Geist vernebelt und viele Menschen in den Wahnsinn getrieben haben soll.

Zur Nachwendezeit, als Leipzig träumte, zogen Frank Herrmann und sein Kumpel Marko Meyer als DJ-Team durch die Nächte. Später, noch bevor der gelernte Schlosser die Sixtina aus der Taufe hob, gründeten die beiden die Rockmusik-Kneipe „Darkflower“, in der erstmals in Leipzig auch wieder Absinth ausgeschenkt wurde. Eine Rückkehr aus dem Exil, denn die grün-schimmernde Spirituose war von 1923 bis in die 1990er-Jahre hinein in Deutschland verboten. „Was sie dadurch auch so interessant machte“, so Herrmann.

Schuld war Thujon, ein halluzinogenes Nervengift, gewonnen aus Wermut – neben Anis, Ysop, Fenchel und Zitronenmelisse die Hauptzutat der etwas bitter schmeckenden, würzigen Kräutermischung. Heutzutage ist der Thujon-Gehalt begrenzt. Reich an ätherischen Ölen sei das Gebräu, erzählt Herrmann, der bei Erkältungen auf heißen Absinth schwört, den er auf ein Zuckerstück träufelt. „So kuriere ich meine Grippe nach drei Tagen aus.“

Zum Gurgeln zu wertvoll ist dagegen der mit Sauerstoff angereicherte, legendäre Absinth „Oxygenee“, dessen Produktion 2005 eingestellt wurde. Eine sündhaft teure Rarität, denn ein Gläschen (2 cl) kostet 62 Euro in der Sixtina. Herb, süßlich und zwei Eigenkreationen: Die Auswahl zwischen 250 Sorten Absinth (25 bis 90 Volumenprozent Alkoholgehalt) ist riesig. Serviert werden aber auch Wein, Longdrinks und Cocktails. Neben Stammgästen bedient Herrmann ebenso Absinth-Kenner, die auf der Suche nach seltenen Sorten sind oder neugierige Touristen, die das Geheimnis der „grünen Fee“ entschlüsseln wollen. Höhepunkt sei jedes Jahr zu Pfingsten das Wave-Gotik-Treffen mit Konzerten, Absinth-Frühstück und einem kleinen Markt im Hinterhof. Mitunter wird auch eine schwarze Kutsche mit Sarg vor der Kneipe geparkt – ein echter Hingucker, wie so vieles in der Sixtina.

Absintherie Sixtina

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Absintherie Sixtina

Sternwartenstrasse 4

Öffnungszeiten: Montag, Donnerstag, Freitag und am Samstag ab 18 Uhr
0,5 Liter Bier kosten ab 3 Euro;
2 cl des Absinths Sixtina 3,50 Euro

Absintherie Sixtina

Vom Mode- zum Mordstrunk – die Geschichte des Absinths

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Vermutlich war es der Arzt Pierre Ordinaire, der Ende des 18. Jahrhunderts am modernen Absinth-Mix tüftelte und mit diesem Medizin-Elixier seine Patienten behandelte. Später erwarben Major Dubied und sein Schwiegersohn Henri Louis Pernod das Rezept und gründeten 1805 im französischen Pontalier – der späteren „Absinth-Hauptstadt“ – die erste Destillerie.

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Bis Ende des 19. Jahrhunderts ging der Siegeszug des Absinths weiter. Die populäre Bitter-Spirituose avancierte zum Modegetränk des Künstler-Milieus, doch auch unter Arbeitern und Intellektuellen galt es als en vogue, sich zwischen 17 und 19 Uhr – zur „grünen Stunde“ – ein Gläschen Hochprozentigen zu gönnen.

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Schriftsteller wie Oscar Wilde, Ernest Hemingway und Edgar Allan Poe oder Maler wie Edgar Degas, Pablo Picasso und Édouard Manet ließen sich von dem smaragdgrünen Trunk den Gaumen kitzeln und suchten Inspiration im Absinth. Vincent van Gogh hatte allerdings einmal zu tief ins Glas geschaut und soll sich im Rausch sein Ohr abgeschnitten haben.

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Oscar Wilde

Der irische Schriftsteller sagt über seine Absinth-Erfahrungen:

„Nach dem ersten Glas sieht man die Dinge so, wie man sie gern sehen möchte. Nach dem zweiten sieht man Dinge, die es nicht gibt. Am Ende sieht man die Dinge so, wie sie sind, und das ist das Entsetzlichste, was geschehen kann.“

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Anfang des 20. Jahrhunderts war der Ruf ruiniert. Die Flüssigdroge wurde von den Kritikern für den Sittenverfall der Gesellschaft verantwortlich gemacht und in vielen europäischen Ländern sowie den USA verboten. Heute ist Absinth wieder erlaubt, der Thujon-Gehalt aber auf 35 Milligramm je Liter begrenzt, da eine zu hohe Dosis Verwirrtheit und Epilepsie auslösen könne. Tatsächlich soll die Thujon-Konzentration früher aber nicht merklich höher gewesen sein als heute, fanden Forscher heraus.

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So wird Absinth richtig zubereitet

Absinth, der deutsche Name des französischen Wortes absinthe, bedeutet „Wermut“. Er wird nicht pur getrunken, sondern traditionell mit Wasser im Verhältnis 1:1 bis 1:5 gemischt. Ein echter Genießer füllt zunächst ein kelchartiges Glas mit Absinth, legt darauf einen gelochten Metalllöffel und auf diesen ein oder zwei Zuckerwürfel, die mit etwas Absinth übergossen und angezündet werden. Wenn der Süßstoff karamellisiert, werden die Flammen mit Eiswasser abgelöscht und das Getränk verfärbt sich milchig-grün.

Whiskeys, Pubquiz und ein Tanzsaal – Noels Ballroom in der Südvorstadt

„There are no strangers here – only friends who haven‘t met“ prangt in Noels Ballroom über dem Tresen, eingerahmt von allerlei hochprozentigem Wasser des Lebens, der wortgeschichtlichen Bedeutung von Whiskey. Dieses Zitat des irischen Dichters William Butler Yeats bringt in anderen Irish Pubs mitunter das Klischeefass zum Überlaufen, in Noels Ballroom ist es über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen, zur gelebten Philosophie geworden. Enge Freundschaften sind vor dem Tresen, dahinter und über den Bartisch hinweg entstanden.

Betreiber Noel McCormack spricht über die Anfänge seines Pubs.

Mit dem Ballroom haben die Betreiber Noel McCormack, ein irisches Original, und das Leipziger Gastronomie-Urgestein Jens Kratzer einen authentischen Ort geschaffen. In ihrer Kneipe ist alles echt irisch – die Holzvertäfelungen, die alten Bilder von der grünen Insel und die mit Whiskey-Packungen verkleidete Decke.

Doch die Einrichtung allein macht noch keine gute Kneipe. „Pubs brauchen gute Biere“, findet Jens Kratzer. Die üblichen Verdächtigen wie Guinness, Kilkenny, Newcastle, aber auch Strongbow Cider halten sich seit den Ursprüngen des Ballrooms 2006 beharrlich auf der Karte. Das Angebot sei so irisch, wie es eben geht – sowohl, was die Getränke- als auch die Speisekarte angeht. „Früher haben wir versucht, Lebensmittel direkt aus Irland zu beziehen“, erinnert sich Kratzer. Heute rechne sich das nicht mehr. Aufwand und Preis seien zu groß geworden. Irlandkennern fällt sofort auf, dass etwa die Würstchen zum Irish Breakfast in Wahrheit gar nicht von der grünen Insel kommen.

Noel McCormack über die Einrichtung seines Pubs.

Das Pubquiz fungiert dabei als Treffpunkt für das international durchmischte Publikum. „Das Quiz hat sich etabliert – montags auf Deutsch, dienstags auf Englisch – und ist so gut besucht wie noch nie.“ Auch Neulinge sind keine Seltenheit im Ballroom. „Die Atmosphäre ist sehr schön, das Essen wirklich gut“, meint die 19-jährige Saskia Peitzsch. Das hat sie überzeugt wiederzukommen und eine Freundin mitzubringen. „Wenn man auf Irland steht, sollte man in den Ballroom kommen“, sagt auch die 17-jährige Sophie Strejeck.  „Mitte der 90er waren hunderte irische Arbeiter in der Stadt“,
erinnert sich Kratzer.  Sie waren die ersten, die den Pub für sich
entdeckten.  Heute seien die meisten zurück in Irland oder über den Rest der Welt verstreut. „Ein paar sind mittlerweile verheiratet und noch
hier. Die kommen immer noch zu uns.“ Heute präsentiert sich der Pub
nicht mehr als Auffangbecken für irische Landsleute, sondern als
Schmelztiegel zahlreicher Nationalitäten und Altersklassen. „Bei uns
treffen sich zum Beispiel viele Erasmusstudenten“, weiß Kratzer.

Was Noels Ballroom außerdem von anderen Irish Pubs abhebt, ist der namensgebende Ballroom. Ein alter Saal mit Bar, Bühne und genügend Platz zum Tanzen. Gerade für die Rockabilly- und Ska-Szene geht mittlerweile kein Weg mehr an der Kurt-Eisner-Straße vorbei. Etwa für die Aachener von Ray Collins‘ Hot Club, die durch ihren Titel „Barefoot“ und einen Auftritt im Film „Swing Kids“ größere Bekanntheit erlangten. „Wenn die spielen, kommen Leute aus ganz Deutschland zu uns. Wir sind nicht groß und können deswegen auch nicht die großen Gagen zahlen. Dafür passt bei uns einfach das Rundherum“, sagt Kratzer.

Das finden auch die beiden Tanzvereine Swingin‘ L.E. und die Swing Connection Leipzig. Beide Truppen haben schon vor Jahren Noels Ballroom für sich entdeckt. „Das Ambiente mit der schrobigen 70er-Jahre-Tapete und der ganzen Holzvertäfelung – da bekommt man einfach Lust zum Swing-Tanzen“, findet der 31-jährige Neuleipziger Torben Kinkert. Langsam füllt sich der Laden mit Gästen. Noel McCormack legt hinter dem Tresen los. Als gelernter Barkeeper rotiert er zwischen Whiskey-Flaschen und den mit üppigen Brauereilogos geschmückten Zapfhähnen. Für ein kleines Schwätzchen mit den Stammgästen bleibt trotzdem noch Zeit. Geübt schiebt McCormack ein volles Bierglas über den Tresen: „Sláinte, Prost!“

Noel McCormack über die Tanzveranstaltungen in seinem Ballsaal.

Noels Ballroom

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Noels Ballroom

Kurt-Eisner-Straße 48

Öffnungszeiten: täglich ab 17 Uhr
0,5 Liter Guinness für 4,80 Euro
Mit dem Irish Breakfast kann man sich für 8,30 Euro stärken, ein Shepherds Pie kostet 8,60 Euro.

Noels Ballroom

Zahl der Schankwirtschaften in Leipzig

2009

2011

2014

Handgemixte Cocktails, ein grandioser Blick – die Bar des Falcos im Zentrum

Wo sich zwei Tiger die Pranke reichen – das ist nicht etwa irgendwo in Südostasien, sondern direkt am Rande des Leipziger Innenstadtrings, fast 100 Meter über dem Großstadtdschungel. Doch keine Sorge, im Edelrestaurant Falco, im obersten Stockwerk des Westin-Hotels, hält sich niemand zwei tatsächliche Exemplare dieser exotischen Großkatzen. Vielmehr verziert dieses Motiv die Bar des Falcos, von der aus man seinen Blick über die komplette Innenstadt schweifen lassen kann – mit einem von Patrick Grunewald gemixten Getränk in der Hand.

„Bar manager“ steht auf der Visitenkarte des 25-jährigen gelernten Restaurantfachmanns. „Seelenklempner der Neuzeit und Psychologe par excellence“ nennt ihn sein Chef, der Zwei-Sterne-Koch Peter Maria Schnurr. Der Kontakt zu immer neuen Menschen ist das, was Grunewald motiviert, sich Abend für Abend aufs Neue hinter den Tresen zu stellen. „An der Bar macht man die Tür auf und weiß nie, was dann passiert“, sagt er.

Für sein Handwerk braucht Grunewald vor allem eines: hochwertige Spirituosen von Whiskys über Obstbrände bis hin zu Gin. „Kürzlich haben wir einen Cognac für 2.400 Euro eingekauft“, erzählt Grunewald sichtbar stolz. Die Handgriffe des Barkeepers sitzen. Sicher mischt er hauseigene Cocktail-Kreationen, die „Bloody Snow“ oder „Frambozen Princess“ heißen, bis hin zu Klassikern wie Whiskey Sour. Und das alles mit einer gehörigen Portion Understatement. „Natürlich will der Gast auch unterhalten werden. Aber nicht von Feuerschluckern, Wunderkerzen und Obstsalat am Cocktailglas“, wirft der 47-jährige Peter Maria Schnurr ein.

Barkeeper Patrick Grunewald über seinen Beruf.

Barkeeper Grunewald sagt, warum er gern Cocktails mixt.

Grunewald will Tom Cruise im Hollywood-Streifen „Cocktail“ keine Konkurrenz machen. Fachwissen ist das Stichwort des jungen Barkeepers: „Das ist wie eine Hausaufgabe. Wenn ein neues Produkt hinzukommt, muss das gelernt und selber probiert werden.“ Dadurch bleibt er hinter dem Tresen flexibel, lässt die Cocktail-Karte des Hauses nicht zum Dogma werden. Individuell gemixte Drinks sind so immer eine Option. Wenn die ankommen, ist das für Grunewald der größte Lohn: Das sei mehr Wert als irgendwelche Auszeichnungen bei Wettkämpfen, bei denen er Cocktails für fünf Mann mixen muss. „Die eigentliche Meisterschaft findet jeden Abend hinterm Tresen statt.“

Das finale Urteil fälle am Ende der Gast mit seinem Geschmack. An dem eckt die Bar im Falco manchmal auch an. Das fängt schon bei den bewusst provokant gewählten Namen der selbstkreierten Cocktails an. Der „Böhse Onkel“ – ein nach der umstrittenen Frankfurter Rockband benannter Drink – geht auf Schnurrs und Grunewalds Musikgeschmack zurück. „Warum das nicht einfach ins Glas zaubern?“, fragten sich die beiden und setzten die dunkle Mischung aus Whiskey, Angosturabitter, Waldheidelbeernektar und Champagner aus dem Silberbecher auf die Karte. Das hat durchaus schon kritische Stimmen, sogar einen Beschwerdebrief an den Hoteldirektor auf den Plan gerufen. „Wir sind als Gastronomen aber nicht politisch“, zeigt sich Sternekoch Schnurr von dem Gegenwind unbeeindruckt.

Patrick Grunewald mixt einen Whiskey Sour.

An anderer Stelle lassen beide Selbstkritik
walten – beim Geschmack des Cocktails. „Bei Dingen, die wir selbst nicht gerne trinken würden, ist die Gefahr zu groß, dass es den Gästen auch so geht“, meint Schnurr. Manchmal ist jedoch auch das ein Trugschluss. „Kokos und Rote Beete ist persönlich gar nicht mein Ding. Mittlerweile gibt es aber so viele Gäste, die genau diese ‚Blutwäsche‘ haben wollen.“  Das Falco ist kein Laden für die oberen 10.000. Du musst keinen Smoking tragen und keinen Ferrari fahren. Jeder ist willkommen“, betont Schnurr. Der Geldbeutel muss trotzdem stimmen, um hoch oben über Leipzig einen (feucht-)fröhlichen Abend zu haben – dort wo sich zwei Tiger die Pranke reichen.

Bar im Falco

Bar im Falco

Gerberstraße 15

Öffnungszeiten: täglich von 18 bis 1 Uhr
Den „Böhsen Onkel“ gibt es für 17 Euro, ein klassischer Whiskey Sour schlägt mit 12 Euro zu Buche.

 Bar im Falco

Zahl der Schankwirtschaften in Sachsen

2009

2011

2014

Kabarett und ein Klavier: Das Gasthaus zur Tenne im Osten der Stadt

„Brutto“ steht auf dem Einkaufskorb, den der Kabarettist Olaf Schmidt in der linken Hand hält. Die freie wird er gleich für die Flasche Pfeffi brauchen. Schmidt mimt einen von den Bezahlversuchen einer Rentnerin geplagten Supermarkteinkäufer, der seinen Frust nur mit dem gerade aus dem Spirituosenregal entnommenen grünen Likör mildern kann. Nach einer schier nicht enden wollenden Kassen-Odyssee und einigen kräftigen Schlucken aus der Schnapspulle ist er schließlich der nächste in der Reihe, scheitert dann aber grandios an Kassiererin „Lissi“. Applaus. Den 40 Gästen gefällt der Kabarett-Vorstellung.

Kabarettist Olaf Schmidt als Kassiererin Lissi.

„Lissi – Wechseljahre einer Kassiererin“ heißt das Programm des „kulinarisch-satirischen Abends“, der heute im Gasthaus „Zur Tenne“ stattfindet. Auch zu Lesungen lädt die Kneipe an der Schulze-Delitzsch-Straße – unweit des Neustädter Marktes – regelmäßig ein. Man wolle damit „Glanzpunkte im Viertel“ setzen, sagt Ronald Benedix alias Ronny, der seit Eröffnung der Tenne 1994 hinterm Tresen steht. Zu Beginn als Mitarbeiter, seit 1997 hält er als Oberkellner „die praktischen Dinge am Laufen“, wie er sagt. Und er hat eine Mission: mit dem Gasthaus sein Viertel aufwerten.

Der 56-Jährige ist an der früheren Ernst-Thälmann und heutigen Eisenbahnstraße aufgewachsen. Jetzt wohnt er im Gebäude vor dem Gasthaus an der Schulze-Delitzsch-Straße 19 – direkt gegenüber vom Bürgerverein Neustädter Markt. Mit diesem steht man eng in Kontakt, auch, weil die monatlichen Stammtische des Vereins in der Tenne stattfinden. Dass das Lokal ein fester Teil des Viertels ist und längst Kultstatus erreicht hat, zeigt sich schon daran, dass Gäste immer wiederkommen, die schon längst aus dem wenig betörenden Osten weggezogen sind. Dabei liegt das Gasthaus etwas versteckt. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das Gebäude im Hinterhof, in dem sich früher Stall und Schmiede befanden. Als Tenne wird der fest gestampfte oder gepflasterte Platz in einer Scheune bezeichnet – so kam das Gasthaus zu seinem Namen. Die Original-Unterstellung der Pferde befindet sich noch heute dort, wo sie schon vor hundert Jahren stand. Das Original-Stroh musste dagegen vor zwei Jahren bei einer Renovierung weichen.

Ansonsten gilt im Lokal: Was alt aussieht, ist alt: Dazu zählt auch der Ofen, der den Gastraum warm hält, denn die Heizkörper reichen dafür nicht aus. Andere Gegenstände, wie Akkordeons, Kerzenständer oder alte Schallplattenspieler und Grammophone, die in den vielen Nischen, Emporen und Podesten stehen, waren entweder schon immer da oder wurden im Laufe der Jahre auf Flohmärkten gesammelt. Es kommen immer wieder neue dazu. „Gäste fragen von Zeit zu Zeit: Ich habe noch eine alte Blechdose – wollt ihr die?“, sagt Köchin Manuela Kabelitz. Die hintere linke Ecke des Gastraums ist mit vergilbten Kino-Zeitschriften beklebt, die dem Vater von Ronald Benedix gehörten. Heraus sticht das Klavier an der Längsseite des Gastraums, rechts vom Ofen. In all den Jahren hat nur ein Gast darauf gespielt, da war es allerdings alles andere als wohltemperiert. Die richtige Tonhöhe erhielt es erst von einem Mitglied der Blindenskatrunde, die sich seit einigen Jahren in der Tenne trifft. Seither hat aber niemand mehr auch nur eine Taste angeschlagen.

Die Besucher der Neustädter Szenekneipe sind bunt durchmischt: Vom Rentner bis zum Erstsemester-Studenten. „Assi-Klientel schicken wir gleich wieder nach Hause. Wenn man die einmal reinlässt, kommen die immer wieder“, sagt Manuela Kabelitz mit eiserner Miene. Auch sie wuchs in dem früheren Arbeiterviertel auf. Gemeint sind mit dem Begriff vor allem „Rabauken“, die sich nicht an die Hausordnung halten. So mancher frühere Gast hat jetzt Hausverbot im Lokal. „Einer kam mit einer OP-Schürze bekleidet herein und hat angefangen die Tische abzuräumen. Auch Teller, mit denen die Gäste noch nicht fertig waren“, schildert sie eine skurrile Begebenheit. „Das wurde mir zu bunt. Zwei Stammkunden haben den dann nach draußen begleitet“, erzählt die Köchin in monotoner Stimmlage.

Gäste, die kein Hausverbot haben, beschreiben das Raucher-Lokal als gemütlich. Frank und Birgit Mock wohnen gleich um die Ecke und kommen seit 16 Jahren hierher „Wir gönnen uns einmal im Monat ein Schnitzel – in verschiedenen Varianten“, sagt Frank Mock lachend. Das Ehepaar hat auch schon Geburtstage und Silvester in der Tenne gefeiert. Die beiden Leipziger schätzen die „nette Bedienung, auch wenn sie neu ist“ und meinen damit Marc. Der Student arbeitet seit einiger Zeit als Aushilfe in der Tenne, wohnt ebenfalls an der Eisenbahnstraße. „Die Tenne ist eine Pflichtanlaufstelle im Viertel. Der Freisitz im Hof ist mega im Sommer“, sagt er.

Gasthaus zur Tenne

Gasthaus zur Tenne

Schulze-Delitzsch-Straße 19

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 17 Uhr bis 1 Uhr, Sonntag 17 Uhr bis 23 Uhr

0,5 Liter des Hausbiers „Dr Schreber“ kosten 2,70 Euro, Ur-Krostitzer 3 Euro
Stammgäste schwören auf das Würzfleisch in der Brottasse für 10 Euro. Die große Portion Pommes kostet studentenfreundliche drei Euro.

 Gasthaus zur Tenne

Video-Interviews und Texte: Mathias Schönknecht, André Pitz, 
Benjamin Winkler, Marc Bohländer, Gina Apitz 
Fotos und Videodreh: Dirk Knofe
Schnitt: Leipzig Fernsehen, Trailer: Patrick Moye
Grafik: Patrick Moye 
Konzept, Produktion: Gina Apitz
Quellen: IHK Leipzig, Statistisches Landesamt Sachsen
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