Kunstwerke unter der Haut – Leipziger und ihre Tattoos
Jeder achte Deutsche ist tätowiert. Der Körperschmuck ist längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Tattoos werden vor allem bei jungen Leuten immer beliebter. Doch was reizt Menschen sich Farbe unter die Haut stechen zu lassen? Wie bewerten Psychologen die Lust am Tattoo? Und wie sieht das Ganze rechtlich aus? Wir haben in Leipzig nachgefragt – in Tattoostudios, Arztpraxen, Kanzleien, am Badesee und im Gefängnis.
Keine OP am offenen Herzen: Ein Besuch in einem Tattoostudio
Benjamin Kopf sitzt leicht angespannt auf einem ausrangierten Zahnarztstuhl im Tattoo-Café in der Leipziger Eisenbahnstraße. Philip Rost, der Tätowierer, ist hochkonzentriert. Mit den Händen strafft er die Haut von Kopfs Oberarm. Dann geht es los, das schnarrende Geräusch der Nadel, die Millimeter für Millimeter in die Haut sticht.
Benjamin Kopfs Hände bedeckt ein leichter Schweißfilm. „Wenn die Nadel das erste Mal loslegt, dann denke ich immer: ´Worauf hab ich mich eingelassen?´“ Dabei ist es nicht das erste Tattoo, das sich der 28-Jährige heute stechen lässt. 15 Motive zieren bereits seinen Rücken, die Arme, Beine und Füße. „Ich finde es super schön, wenn jemand nicht nur blanke Haut hat, sondern man Motive, die einem gefallen, dort verewigen kann“, erklärt der vollbärtige Kerl mit dem verschmitzten Lächeln.


Wie es ihm kurz vorm Tätowieren geht, erzählt Benjamin Kopf im Video.


Tattoostudios in Leipzig 2006

Tattoostudios in Leipzig 2016

Seinen rechten Arm hat er dem Zirkus gewidmet. Ein Affe mit Kippe im Mund strampelt sich dort auf einem Fahrrad ab; flankiert wird das Kunstwerk von einem Muskel-Mann, einem Artisten in einer Kanone und einem Elefanten. Fehlt noch ein Tiger, der durch einen Feuerring springt, findet Kopf. Für dieses Motiv lässt er heute die Nadel an seine Haut. „Zirkus ist etwas Lustiges, es steht für eine positive Lebenseinstellung“, erklärt er seine Wahl.

Wie er beim Stechen eines Tattos vorgeht, erklärt Tätowierer Philip Rost im Video.


Der Tätowierer ist ein guter Kumpel von Benjamin Kopf. Die beiden kennen sich schon aus Kindheitstagen. Für Philip Rost ist der Umgang mit der Nadel inzwischen Routine, seit acht Jahren beherrscht er das Handwerk, über tausend Motive hat der 26-Jährige schon gestochen. Seine Kundschaft ist bunt gemischt, vom Arzt bis zum Arbeitslosen sei alles dabei. Das Verhältnis von Frauen und Männern halte sich die Waage. Interessant ist: Tätowieren lassen sich vor allem junge Menschen ab 18 und viele ältere, ab 60 aufwärts. Seine älteste Kundin war 73 Jahre alt und ließ sich eine Gottesanbeterin stechen. „Dazwischen gibt es eine Kluft. Die 35- bis 50-Jährigen haben anscheinend Besseres zu tun“, sagt Rost und grinst.
Bevor es losgeht, verständigt sich der Tätowierer mit seinem Kunden über das Motiv. Er kann am besten einschätzen, ob das, was der andere haben will, als Tattoo umsetzbar ist oder zeichnet gegebenenfalls eine neue Skizze. Heute ist alles schnell geklärt. Philip Rost fertigt eine Skizze auf Transparentpapier, die er an Kopfs Oberarm hält. Dann diskutieren die beiden. „Passt das an der Stelle? Wie wirkt das Tattoo mit dem Armmuskel? „Ab sofort weniger trainieren“, scherzt Rost.

Wie wird man Tätowierer?

Der Beruf erfordert keine geregelte Ausbildung. Jeder kann das Gewerbe ausführen, wenn er das will. Die meisten lernen das Handwerk und die hygienischen Grundlagen in einem Tattoo-Studio. Vereinigungen von Tätowierern fordern schon lange, dass es einen einheitlichen Lehrberuf geben sollte. Immerhin ist der Beruf mit großen Verantwortung verbunden.  

Anschließend bereitet er den Platz vor, Sauberkeit ist wichtig. Der Tätowierer desinfiziert sich die Hände, streift Gummihandschuhe über. Auch die Körperstelle, auf die das Motiv kommt, wird zunächst rasiert, dann desinfiziert, weil sie so keimarm wie möglich sein muss, erklärt er und relativiert gleichzeitig: „Andererseits ist das keine OP am offenen Herzen.“ Die entstehende Wunde sei nicht tiefer als eine Schürfwunde, sie heile innerhalb von drei bis vier Wochen ab. „Sauber halten, eincremen, mehr muss man nicht tun“, sagt der Fachmann. Generell gebe es nur wenige Körperstellen, die für eine Tätowierung ungeeignet seien, so Philip Rost. Narben oder Verbrennungen seien unberechenbar, auch auf Leberflecken würde er lieber keine Farbe bringen, weil diese dann vielleicht tiefer in die Blutbahn gerate.
Bevor der Tätowierer zur Nadel greift, landet zunächst die Papier-Schablone auf Benjamin Kopfs Arm. Die Blaupapierfarbe druckt das Motiv auf die Haut, das Ganze funktioniert wie ein Abziehbild. Rost korrigiert auf dem Arm noch eine Stelle mit einem Stift, nickt zufrieden. „Gar nicht so übel.“ Die Schablone muss zehn Minuten trocknen. Zeit für eine Entspannungszigarette. Benjamin Kopf zieht an seiner Kippe und sagt, dass ihn Tattoos schon fasziniert haben, als er zehn, zwölf Jahre alt war. Sein erstes ließ sich der gebürtige Jenenser mit 18 stechen, ein Ying und Yang-Symbol, seine Eltern und Großeltern waren dagegen. „Meine Oma dachte immer, Tattoos haben nur Knackis oder Seefahrer“, sagt er und lacht.

Warum gelten Tätowierte als kriminell?

1876 brachte der italienische Psychiater Cesare Lombroso das Buch „Der Verbrecher“ heraus. Darin erklärte er, anhand welcher Merkmale, zum Beispiel der Form von Ohren und Nase, man einen Verbrecher erkennen könne. Auch Tätowierungen waren seiner Ansicht nach ein Beweis für eine verbrecherische Persönlichkeit – einige Menschen denken das bis heute.  


Welche Stellen er sich nicht tätowieren lassen will, beschreibt Benjamin Kopf im Video.


Die Ablehnung seiner Familie hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich pro Jahr ein weiteres Motiv stechen zu lassen. Seit er als Krankenpfleger am Leipziger Uniklinikum Geld verdient, nahm auch die Zahl der Tätowierungen zu.

Ein Nachteil seiner Leidenschaft: die Schmerzen. Weh tue es vor allem am Fußrücken, am Knie und in der Ellenbeuge, sagt Kopf. „Diese Stellen, unter denen sich Knochen befinden, sind ziemlich gemein.“ Kopf sitzt jetzt auf dem Zahnarztstuhl, die Nadel rattert über seinen Oberarm, schiebt die Farbpigmente direkt in die zweite Hautschicht, dorthin, wo auch das natürliche Melanin sitzt. Überschüssige Farbe wird mit einem Tuch weggewischt. „Das ist im Grunde wie Lebensmittelfarbe“, antwortet Tätowierer Rost auf die Frage, welche Farbe er da in die Haut pikse. Und meint: Die ist ungefährlich. Theoretisch könne man jeden Farbton stechen, auch Weiß, sagt Rost. Aber:„Eine helle Farbe ist schwerer in Szene zu setzen.“ Am besten eigneten sich deshalb Grün, Blau und Schwarz. Diese Farbtöne hätten außerdem die längste Lebenserwartung.
„Es kam schon mal vor, dass ein Kunde nach einem halben Jahr mit dem Motiv nicht mehr zufrieden war“, sagt Philip Rost. Dann heißt es: Pech gehabt. Eine Nachbearbeitung kann niemand einfordern. Hat ein anderer Tätowierer ein Motiv versaut, gibt es die Möglichkeit aus dem Pfusch noch etwas herauszuholen, Cover-Up genannt. Bei einem von zehn Kunden sei das der Fall, sagt Rost. „Man hat dann kein freies Blatt Papier zur Verfügung, sondern eins, was schon beschmiert ist“, vergleicht er. Daraus wieder etwas zu machen, das sei schwierig, da sei Kreativität gefragt.

„Tätowieren macht Spaß, man kann den ganzen Tag zeichnen.“

Richtig schief gegangen sei bei ihm noch nichts, betont Philip Rost. In den Anfangszeiten testete er die Nadel an sich selbst, übte an Wade und Oberschenkel, später an den Armen seiner Freunde. Mit 17 kam er als Praktikant in das Leipziger Tattoo-Studio, in dem er heute arbeitet. „Da hab ich festgestellt: Das macht Spaß, man kann den ganzen Tag zeichnen.“

In welche Hautschicht wird gestochen?

Die Farbpigmente müssen in die zweite Hautschicht, die so genannte Lederhaut gestochen werden. Unterhalb der Oberhaut (Epidermis) und der Unterhaut (Subcutis). Nur in dieser mittleren Hautschicht werden die Pigmente dauerhaft eingelagert. Sticht der Tätowierer zu tief, kann es sein, dass die Ränder der Linien verschwimmen, sticht er zu flach, ist es möglich, dass die Farbe wieder ausgeschieden wird.  

Später bekam er eine feste Anstellung im Tattoo-Café, nach einem dreiviertel Jahr hatte er den ersten zahlenden Kunden. Seit seinen ersten Versuchen hat sich einiges getan, Rost ist routinierter geworden – und schneller. Seine ersten Sitzungen dauerten bis zu acht Stunden. Es gilt: Tätowieren lassen darf sich nur, wer nüchtern und mindestens 18 Jahre alt ist. Jeder Kunde unterschreibt eine Einverständniserklärung, dass er das Motiv wirklich haben will. Denn de facto ist ein Tattoo eine Körperverletzung, die aber, weil sie im Einvernehmen stattfindet, nicht strafbar ist.
Heute ist das Prozedere auf drei Stunden angesetzt. Normalweise würde Rost 80 bis 100 Euro pro Stunde nehmen, Vorbereitung inklusive. Für Benjamin Kopf gilt jedoch ein Freundschaftspreis, 130 bis 150 Euro wird ihn der Tiger kosten. „Jemand, der mich als Ausstatter für seinen Körper betrachtet und immer wieder kommt, dem komme ich auf Dauer ein bisschen entgegen“, erklärt Philip Rost. Benjamin Kopf versucht indessen auf dem Zahnarztstuhl zu entspannen. Er wird seinen Freund wohl noch einige Mal an seine Haut lassen – auf dem Zirkusarm fehlen noch zwei Clowns.


Über die Tattoo-Trends der vergangenen Jahre spricht Philip Rost im Video.


Tattoos liegen im Trend
In welchem Alter ist man besonders zugänglich für Tattoos? Wer ist häufiger tätowiert – Ost oder West? Und wie viel Prozent bereuen ihr Tattoo? Die Animation gibt Antworten.

Was bedeuten Ihre Tattoos? Eine Umfrage am Kulkwitzer See

Oldschool

Der Leipziger Benny Wagenhaus hat mindestens zehn Tattoos. „Fuck the real life“ steht auf der Brust des 36-Jährigen, der in Leipzig als Krankenpfleger auf einer Intensivstation arbeitet. Seine Tattoos sind das, was man gemeinhin unter „Oldschool-Style“ versteht: Ein Tiger, Sterne, Clowns, Würfel und zwei nackte Frauen bedecken seinen Körper.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Klassisch

„Es gefällt mir einfach“, sagt Wagenhaus über seine Tattoos. Das Clownsgesicht auf seiner Wade gefiel ihm irgendwann nicht mehr. Eine Blüte und einen Anker ließ er sich darüber stechen – als „Zeichen dafür, dass man im Leben steht.“  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Animalisch

Der Salamander auf Markus Baiers Oberarm hat keine besondere Bedeutung, den fand der 40-Jährige einfach schick. An seine Haut lässt Baier nur einen befreundeten Tätowierer aus Ungarn. Gut möglich, dass im nächsten Urlaub ein neues Motiv hinzukommt.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Verliebt

Der Engel, der Markus Baiers linkes Schulterblatt ziert, hat für ihn eine wichtige Bedeutung. Das Motiv ließ er sich vor zwei Jahren als Liebesbeweis für seine Frau stechen, mit der der Siegener seit acht Jahren in Leipzig lebt.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Rosig

Die Kölnerin Manuela Baier hat sich ein wichtiges Tattoo über der Brust stechen lassen. Die 41-Jährige trägt auf ihrem Dekolleté eine rote Rose und den Schriftzug „Silke“. Das Tattoo erinnert sie in zweifacher Hinsicht – zum einen an ihre damals beste Freundin, die an Krebs starb, zum anderen an ihre 16-jährige Tochter, der sie ebenfalls diesen Namen gab.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Entflammt

Baiers Knöchel ziert zudem ein in Flammen stehendes Herz, umzäunt von Stacheldraht, ein Motiv aus der Feder ihres ungarischen Tätowierers.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Floral

Alice Olboeter mag große, florale Tattoos. Diverse Motive bedecken den Körper der 26-Jährigen.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Mythologisch

„Im Leben gibt es Höhen und Tiefen“, erklärt Alice Olboeter die Bedeutung ihres größten Tattoos: Ein Phönix, der mythologisch aus der Asche aufersteht, bedeckt den Rücken der Leipzigerin. Vor fünf Jahren ließ sie sich das riesige Motiv stechen. War das nicht sehr schmerzhaft? „Es geht“, sagt Olboeter. „Ich bin nicht so zimperlich.“  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Elegant

Die Hauswirtschafterin steht auf großflächige Tattoos, ihr rechtes Bein ziert eine Blumenranke, diverse Blüten das Dekolleté. Doch ihr wichtigstes Motiv ist eher dezent: Auf ihrem Knöchel stehen die Initialen ihrer Eltern.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Religiös

Petra Fiebig ließ sich verschiedene religiöse Motive stechen. „Ich glaube an Gott“, erklärt die 50-Jährige ihre Wahl.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Engelsgleich

Fiebigs rechte Schulter zeigt einen Jesus mit Engelsflügeln. „Er schützt mich“, erklärt die Leipzigerin. Beim Stechen einen gewissen Schmerz zu ertragen, das gehöre dazu, so die gelernte Wirtschaftsgehilfin.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Verspielt

Lorant Toth hat seinen Körper dem Spiel verschrieben. Das Leben sei schließlich eines, findet der 34-Jährige. Sein Körper spiegelt diese Einstellung wider: Diverse Würfel und Spielkarten hat sich der Rumäne, der in Leipzig in der Gastronomie arbeitet, in die Haut stechen lassen. Die wichtigste: natürlich der Joker.  
„70 Prozent meines Körpers sind tätowiert“- Nastassja van der Weyden arbeitet als Tattoomodel  
Es ist ein warmer Tag in Leipzig. Nastassja van der Weyden trägt einen kurzen Rock und ein Spaghettiträgertop. Die 25-Jährige schlendert durch die Straßen der Messestadt, immer wieder drehen sich Passanten nach ihr um. „Tattoos sind nichts Ungewöhnliches mehr, aber in diesem Ausmaß machen sie mich schon zu etwas Besonderem. Klar gucken die Leute da“, kommentiert die gebürtige Mainzerin die interessierten Blicke gelassen. Nur selten gebe es doofe Sprüche. In der Regel würden die Reaktionen auf ihr ungewöhnliches Aussehen freundlich ausfallen.
Sechs Jahre ist es her, dass eine kleine Nadel zum ersten Mal mit pulsierenden Bewegungen in ihre helle Haut stach. Nach und nach erblühte auf dem Arm von Nastassja eine Rose. „Das ist nur ein Schmucktattoo, ein Freund hat es mir damals gestochen. Es hat keine tiefere Bedeutung. Außer, dass damit alles angefangen hat“, erinnert sich die Kommunikationswissenschaftsstudentin heute. Zunächst habe sie nur nach Symmetrie gestrebt, doch dann wuchs ihr Interesse an der Kunstform.

„Mit einer Rose hat alles angefangen.“

Längst hat Nastassja van der Weyden dutzende weitere Tattoos, von verschiedenen Künstlern in verschiedenen Stilen. Besonders stolz ist sie auf die Porträts ihrer Eltern, die sie sich im Old School-Stil auf ihren Unterschenkel hat stechen lassen. “In meiner Familie ist niemand tätowiert und meine Eltern waren anfangs schon etwas skeptisch. Aber sie unterstützen mich. Und als sie das gesehen haben, waren sie sehr gerührt“, freut sich Nastassja und streicht sanft über ihre Haut, die sie stets vor zuviel Sonne schützt, damit die Farben nicht verblassen. „Ich sehe mich jeden Tag im Spiegel und gewöhne mich schnell an jedes neue Tattoo. Deshalb mag ich die aktuellsten neben den Porträts immer am liebsten“, erklärt sie und öffnet ihre Handfläche. Zum Vorschein kommt eine kleine Brezel, garniert mit bunten Punkten. „Ich liebe Brezeln. Wenn ich im Ausland bin, fehlen die mir am meisten“, sagt sie und lacht. Nach ihrem Bachelor-Abschluss in Kommunikationswissenschaft und Anglistik in Greifswald zog es sie für eine Zeit nach Japan, dort arbeitete sie im Goethe-Institut in Tokio.


Im Video mit Nathalie Helene Rippich spricht Nastassja van der Weyden über ihre Tattoo-Leidenschaft.


Wie werden Tattoos im Ausland gesehen?

In vielen muslimischen Ländern ist es illegal, sich tätowieren zu lassen. Auch Ausländer können im Gefängnis landen. Im Nahen Osten oder in Nordafrika gilt: Lieber nicht zuviel tätowierte Haut zeigen. In Thailand darf man sich kein religiöses Tattoo stechen lassen, in Japan dürfen tätowierte Urlauber manchmal den Hotel-Pool nicht benutzen, in Sri Lanka ist es Ausländern verboten, sich buddhistische Motive stechen zu lassen. Interessant: Selbst in Dänemark ist das Tätowieren von Händen, Hals und Gesicht gesetzlich verboten.

„In Japan sind Tattoos nicht so populär wie hier. Das wird nicht gern gesehen. Aber weil ich aus dem Ausland kam, hatte ich keine Probleme.“ Die Menschen seien sehr höflich, aber durchaus neugierig gewesen. „Ich habe öfter mitbekommen, dass ich heimlich fotografiert wurde.“ Obwohl Nastassja ihr Herz an Japan verloren hat, möchte sie auf Dauer dort nicht leben. Man dürfe mit Tätowierungen nicht in die traditionellen japanischen Badehäuser, müsse sie außerhalb der Szeneviertel meist verstecken. „Es ist schön dort, aber ich genieße meine Freiheit hier.”
Sie betrachtet die vielen Tattoos als eine Art Kunstsammlung, für die ihre Haut die Leinwand ist. Eine ziemlich kostspielige Leidenschaft. „Einen kleinen Neuwagen hätte ich für meine Tätowierungen bestimmt schon bekommen.” Doch das sei es ihr Wert gewesen. Kunst hat eine große Bedeutung für sie. Beide Eltern sind erfolgreiche Musiker. Sie selbst malt, stellt ihre Werke regelmäßig aus. „Im August bin ich wieder für ein paar Tage in Tokio, um meine Kunst zu zeigen”, sagt sie nicht ohne Stolz.
Mittlerweile verdient Nastassja Geld mit ihrem extravaganten Aussehen. Als Tattoomodel ist die Studentin sehr gefragt. Auf Instagram hat sie über 1000 Follower und auch bei Snapchat und Facebook ist sie keine Unbekannte mehr. Regelmäßig versorgt sie dort ihre Fans mit Fotos von Shootings und ihrem Alltag. Auch Magazine schmückten ihre schon Cover mit Fotos von Nastassja – zuletzt war sie das Gesicht auf einer polnischen Tattoozeitschrift.
Nastassja van der Weyden ist als Tattoomodel gefragt. Die Bilder sind Aufnahmen von professionellen Shootings.
„Ich schätze, dass mittlerweile 70 Prozent meines Körpers bedeckt sind”, sagt sie und begutachtet ihre Tattoos. „Ich habe aber noch Platz. Zum Beispiel am Rücken, an den Seiten und auf dem Po.” Den würde Nastassja sich durchaus tätowieren lassen – wenn das Motiv stimmt. Nur das Gesicht solle frei bleiben. „Das kann ich mir nicht vorstellen, zumindest aktuell nicht. Aber man weiß ja nie.”  
Mit 30 will sie das Projekt ´Körper als Leinwand´ abgeschlossen haben. „Ich denke, dass ich dann andere Dinge habe, für die ich mein Geld ausgeben will”, sagt sie mit einem Lächeln. Bis dahin hat sie aber noch ein paar Jahre Zeit und noch einiges vor. „Mein größtes Ziel ist es, auf dem Cover eines deutschen Tattoomagazins zu sehen zu sein.”  

Originalfoto von Vanessa Marie. #prisma

Ein von Nastassja van der Weyden (@nastivanderweyden) gepostetes Foto am


Harness by Apatico 🙏🏻 Ein von Nastassja van der Weyden (@nastivanderweyden) gepostetes Foto am

Back to black hair? Sooner or later, yes.

Ein von Nastassja van der Weyden (@nastivanderweyden) gepostetes Foto am

Chemnitz ist Hochburg - Tattoostudios in Sachsen und Thüringen

Leipzig

Leipzig hat heute 119 Tattoostudios.

Dresden

In Dresden sind aktuell 112 Tattoostudios gemeldet.

Chemnitz

Chemnitz ist die Tattoo-Hochburg in Sachsen – mit 205 Tattoostudios.

Erfurt

In Erfurt sind laut IHK derzeit 123 Tattoostudios registriert.

Ostthüringen

In Ostthüringen gibt es aktuell 81 Tätowierstuben.

Südthüringen

In Südthüringen sind 2016 laut IHK  40 Tattoostudios gemeldet.

"Tätowierte Menschen sind eher extrovertiert"

Dirk Hofmeister, Psychologe an der Universität Leipzig, erforscht die psychologischen Hintergründe von Körpermodifikationen wie Tattoos und Piercings. Seine Doktorarbeit schreibt der 43-Jährige zum Thema Fußballfans und Tatoos. Im Interview mit Tatjana Kulpa spricht er über die Gründe für ein Tattoo, welche Arten von Menschen sich tätowieren lassen und welche Rolle Schmerz beim Stechen spielt.
Tattoos galten jahrzehntelang als Stigmatisierung. Wieso verspüren so viele Menschen den Drang, sich Motive in die Haut stechen zu lassen? „Das ist nicht leicht zu sagen. Eine Interpretation ist, dass es in den 1990er Jahren viel mehr darum ging – anders als in den Jahrzehnten zuvor – sich von der Masse abzuheben und die eigene Individualität zu betonen. Aber auch, im Sinne des Kapitalismus, besser sein zu müssen, als der Nachbar. Dabei helfen Tätowierungen.“  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Inwiefern helfen Tattoos dabei, aus der Masse herauszustechen? Man muss sich in allen Lebenslagen immer mehr optimieren. Dazu gehört auch der Körper. Etwas Ähnliches konnte man vor einigen Jahren beim Phänomen der Haarentfernung beobachten. Es geht darum, zu zeigen, dass man seinen Körper im Griff hat. Ich kann alle Haare an unliebsamen Stellen wegmachen. Ich halte den Schmerz aus, den die Tätowierung mir zufügt und ich setze mich ästhetisch von der Masse ab, weil ich ein Tattoo habe.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Welche Typen von Menschen lassen sich tätowieren? Wissenschaftliche Aussagen kann man darüber nicht treffen. Allerdings gibt es Tendenzen, dass zum Beispiel tätowierte Männer eher extrovertiert sind. Frauen, die ein Tattoo tragen, gelten als weniger angepasst. Studien sagen, dass Tätowierte eher zu Alkohol, Kriminalität und Drogenkonsum tendieren. Diese Studien sollte man, meiner Meinung nach, aber mit großer Vorsicht betrachten. Denn sie sind teilweise mangelhaft oder wurden mit zu wenigen Probanden durchgeführt.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Immer wieder heißt es: Wer sich einmal ein Tattoo stechen lässt, der kann nicht mehr aufhören. Stimmt das? Beim Tätowieren wird zum einen das Stresshormon Adrenalin ausgeschüttet als auch Endorphine, körpereigene Schmerzmittel. Wir gehen davon aus, dass das Glücksgefühl, das manche Menschen nach dem Tätowieren haben, von den Endorphinen rührt. Adrenalin kann durch eine Erhöhung von Herzschlag und Blutdruck zusätzlich zum euphorischen Gefühl beitragen. Allerdings: Allein durch die Ausschüttung dieser Substanzen wird niemand süchtig. Wie bei allen Süchten muss es ein Zusammenspiel zwischen verschiedenen Faktoren geben, darunter genetische Veranlagung und bestimmte psychische Voraussetzungen. Außerdem gibt es etwa 20 Prozent Tätowierte – das sind mehr als in der Normalbevölkerung – die sagen, dass sie Gewalt erlebt haben und mit dem Schmerz beim Tätowieren diese Erfahrung überwinden wollen.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Haben Tattoos immer eine Bedeutung? Grundsätzlich kann man sagen, dass jedes Tattoo für den Träger eine Bedeutung hat. Bei dem einen sind es vielleicht nur rein ästhetische Gründe, weil er es einfach schön findet. Für viele hat es aber auch eine ganz persönliche Bedeutung. Das herauszufinden ist allerdings nicht einfach. Bei jungen Menschen hat ein Tattoo oft die unterbewusste Bedeutung, sich von der Erwachsenenwelt, beziehungsweise den eigenen Eltern, abzugrenzen…  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.

…also ähnlich wie früher, als Markierung eines Lebensabschnittes? Genau, als junger Erwachsener steht man vor der Aufgabe, die Abhängigkeit von den Eltern Richtung Autonomie aufzulösen. Um diesen Konflikt – in der Psychologie spricht man von einem Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt in der Adoleszenz – aufzulösen, kann ein Tattoo helfen.  Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.

Welches sind die Tattoo-Trends der vergangenen Jahre?

Von Ötzi zu Stefan Kretzschmar - die Geschichte des Tattoos

Die Historie des Körperschmucks und berühmte Tätowierte, Quellen: Dirk Hofmeister, Fachpublikation "Tätowiermagazin Extra"
Ötzi war der erste tätowierte Mensch.

Ötzi war der Erste

Tätowierungen sind so alt wie die Menschheit und sie sind unabhängig voneinander auf der ganzen Welt entstanden. Die ältesten Tätowierungen kennen wir von Ötzi – der Mumie aus der Steinzeit. Wie sie ihm gestochen wurden, weiß man nicht sicher. Als Hintergrund vermutet man dekorative und medizinische Gründe. Denn die Zeichen sind an Stellen angebracht, die auch als Akkupunkturpunkte bekannt sind. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Die Ursprünge des Tätowierens liegen in Polynesien.

Ursprung in Polynesien

Als Wiege der Tätowierungen gilt die Südsee, das heutige Polynesien. Man hat aber auch Tätowierungen bei Steppenvölkern in Sibirien oder Nordamerika gefunden. Gestochen wurden die Zeichen nicht wie heute mit einer Nadel. Die Haut wurde immer wieder an derselben Stelle aufgeschnitten und Ruß hineingerieben. Außerdem wurde mit spitzen Steinen gearbeitet oder – das kennt man heute noch – eine Schlagtechnik kam zum Einsatz und so die Farbe unter die Haut gebracht. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Tattoos markieren die Zugehörigkeit zu einem Stamm.

Mitglied eines Stammes

Tätowierungen hatten soziale und rituelle Gründe. Vor allem vor der Entstehung der Schrift hat man mit Tätowierungen seinen sozialen Stand ausgedrückt, seine Zugehörigkeit zu einem Stamm und man hat Lebensabschnitte markiert. So wurden etwa junge Männer und Frauen mit einem bestimmten Symbol gekennzeichnet, um zu zeigen, dass sie heiratsfähig sind, bereits verheiratet oder dass sie bereit sind, in die Erwachsenenwelt aufgenommen zu werden. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Geistliche tätowierten sich früher das Kreuz - als Zeichen für das Christentum.

Kreuz als Stigmata

Nach der Entstehung der Schrift wurden Tätowierungen dazu gebraucht, Menschen, die außerhalb der Gesellschaft standen, zu markieren – etwa Minderheiten oder Straftäter. So wurden bei den Römern Christen tätowiert und somit stigmatisiert. Später kam es auch zu Selbststigmatisierungen. Christliche Geistliche haben sich im Mittelalter das Kreuz tätowiert, um für jeden als Christ erkennbar zu sein. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.  
Seefahrer brachten die Tattoos nach Europa.

Übers Meer nach Europa

In der Neuzeit haben sich Handwerker und Seefahrer tätowieren lassen, um zu signalisieren, dass sie zu einem bestimmten Stand gehören. Matrosen haben sich zum Beispiel oft Anker stechen lassen. Man glaubte, dass ein in der Heimatstadt gestochener Anker, einen immer wieder sicher zurückbringen würde. Außerdem begegneten Seeleute anderen Völkern aus der Südsee – wo Tätowierungen sehr verbreitet waren. Ein weiterer Grund, warum sie den Körperschmuck mit nach Hause brachten. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Der Seefahrer James Cook brachte die Tattoos in die westliche Welt.

James Cook, ein Tattoo-Fan

Zur Zeit des Entdeckers James Cook kamen Tätowierungen vermehrt nach Europa. Die Aristokratie, die damals schon ein ausgeprägtes ästhetisches Körperverständnis – ähnlich wie heute – hatte, löste so die erste Welle der Tätowierungen in Mitteleuropa aus. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.    
Anhänger der französischen Revolution ließen sich politische Motive stechen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Anhänger der Französischen Revolution haben sich Ende des 18. Jahrhunderts politische Motive stechen lassen, um ihren Standpunkt auch nach außen zu zeigen. So war der Schriftzug „Liberté, Égalité, Fraternité“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) ein beliebtes Tattoo. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.  
Jean-Baptiste Bernadotte ließ sich als glühender Mitstreiter der Revolution “La mort au roi!”(Tod dem König) stechen.

Tod dem König

Jean-Baptiste Bernadotte ließ sich als glühender Mitstreiter der Revolution „La mort au roi!” (Tod dem König) stechen. Paradox, dass er 1818 selbst König von Schweden und Norwegen wurde. Angeblich ließen sich auch Prinz Heinrich von Preußen, Kronprinz Rudolf von Österreich, Erzherzogin Anna und Erzherzog Franz Ferdinand, der in Sarajevo 1914 ermordet wurde, tätowieren. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Auch Sisi hatte ein Tattoo - einen Anker auf dem Schulterblatt.

Der Anker der Kaiserin

Auch die österreichische Kaiserin Sisi hatte ein Tattoo – einen Anker auf dem Schulterblatt, den sie sich in einer griechischen Hafentaverne stechen ließ. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre gab es eine Welle von Tätowierungen. Vor allem in Hafenstädten waren sie verbreitet. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Thomas Edison erfand den “Stencil Pen“.

Wunder der Technik: die Tätowiermaschine

Als Erfinder der Tätowiermaschine gilt Samuel O´Reilly, der die elektrische Maschine 1891 patentieren ließ. Allerdings hatte sich 14 Jahre zuvor schon Thomas Edison (Foto) einen “Stencil Pen“ patentieren lassen. Das Gravourgerät mit Spulenkonstruktion erinnert sogar noch eher an die modernen Maschinen von heute. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.

Tattoo als Brandmarkung

In der NS-Zeit waren Tattoos zwar nicht verboten, aber doch eher verpönt. Auf der einen Seite wurden Tätowierer in Konzentrationslagern interniert, auf der anderen Seite weiß man, dass Soldaten der Waffen-SS sich mit Runen und der eigenen Blutgruppe tätowierten. So sollten sie im Fall einer Verletzung sofort als SS-Soldaten erkannt werden. Ganz klar stigmatisierend war das Tätowieren der Juden in den Konzentrationslagern. Die Nazi-Zeit führte dazu, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Tattoos nicht mehr gesellschaftsfähig waren. Es gab sie natürlich immer noch – etwa bei der Rockabilly-Bewegung der 1950er Jahre – aber es blieb alles sehr unter der Oberfläche. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.  

Staatschef mit Liebe zur Farbe

Wer hätte das gedacht? Der britische Premierminister Winston Churchill hatte ein Anker-Tattoo auf dem linken Oberarm. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.  

US-Präsident zeigt Familienliebe

Tattoo mit Symbolkraft: Der US-amerikanische Präsident Franklin Roosevelt ließ sich sein Familienwappen auf die Brust stechen. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.    

Diktator mit Totenkopf

Der russische Diktator Josef Stalin hatte ein Totenkopf-Tattoo auf der Brust. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.    
In der Zeit des Punks in den 80er Jahren waren Tattoos stark im Kommen.

Boom in der Punk-Zeit

Den nächsten Boom gab es erst in der Punker- und Rockerzeit der 1970er Jahre. Die Anhänger dieser Szene haben die Selbststigmatisierung genutzt, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen und ihre Zugehörigkeit zu einer Subkultur zu verdeutlichen. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.    
Zu DDR-Zeiten trugen politsche Gefangene oft Tattoos als Audruck des Protests gegen das System.

Kaum erforscht: DDR-Tattoos

Über Tattoos in der ehemaligen DDR weiß die Wissenschaft noch nicht besonders viel. Straftäter, politische Gefangene und Gegner des Systems haben sich zwar Tattoos stechen lassen. Aber es war längst nicht so verbreitet und passierte im Verborgenen. Denn: Tätowierungen waren in der DDR verboten. Wurde etwa bei einem Gefängnisinsassen ein Motiv entdeckt, musste er sich dieses entfernen lassen. Gestochen wurden die Bilder vermutlich mit einfachen Mitteln wie Nadeln und Tinte. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Ein echter Tattoo-Fan: der Sportler Stefan Kretzschmar.

Heute: Mainstream

Eine letzte große Welle, die bis heute anhält, gibt es seit den 1990er Jahren. Zu Beginn des Booms galten Menschen mit Tattoos immer noch als gewalttätig, straffällig oder alkoholabhängig. Diese Vorurteile haben sich in den letzten Jahren zwar noch nicht komplett aufgelöst, sind aber deutlich zurückgegangen. Vor allem durch tätowierte Musiker oder Sportler, wie Stefan Kretschmar oder David Beckham, sind Tattoos in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Den halben Knast tätowiert – Ein Besuch in der JVA Torgau

 

Der Besucherraum in der Justizvollzugsanstalt Torgau ist schmucklos. Weiße Wände, vergitterte Fenster, in der Mitte ein Tisch und Stühle. Auf einem nimmt Sven B. Platz. Seinen vollen Namen will der 45-jährige Leipziger nicht nennen. Denn was er gleich erzählt, ist im Gefängnis eigentlich verboten. „Ich bin hier der Tätowierer“, sagt er zur Begrüßung.

Während des Gesprächs rutscht Sven B. unruhig auf seinem Stuhl hin und her. 25 Jahre seines Lebens hat er insgesamt hinter Gittern verbracht, in 20 verschiedenen Anstalten. Verurteilt wurde er meist wegen Diebstahls, um seine Drogensucht zu finanzieren, die in der Haft begann. Sven B. kennt fast nichts anderes als Mauern, seine Kindheit verbrachte er in DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen. Tätowierungen waren damals verboten und für ihn deshalb pure Rebellion. Sein erstes ließ er sich 1982 stechen, da war er zwölf Jahre alt, lebte in einem Heim in Chemnitz. Ein Freund ritzte ihm mit Tinte „ACDC“ in die Haut.
Später stach er sich mit einer einfachen Nadel und Ruß ein Eisernes Kreuz in die Hand, auch ein Hakenkreuz kam irgendwann dazu – nicht weil er ein Nazi war, sondern „als Zeichen, dass ich gegen den Kommunismus war, gegen den Staat“, beteuert B. Heute hat er die heikelsten Symbole übertätowiert. Auch das klassische Knast-Tattoo, drei Punkte auf der Hand, gefielen B. eines Tages nicht mehr. „Das steht für schwul, pervers, arbeitsscheu“, sagt er. „Die Bedeutung war mir nie richtig klar.“

„Ich versuche einen Weg zu finden, aber ich kriege es nicht hin.“

Nach der Wiedervereinigung fand Sven B. nicht mehr in die Gesellschaft zurück, eigentlich bis heute nicht. „Ich versuche einen Weg zu finden, aber ich kriege es nicht hin“, sagt der hagere Mann in dem blauen T-Shirt. Was er draußen nicht hinbekommt, gelingt ihm im Knast: Er bekommt Anerkennung. Denn wer im Gefängnis tätowieren kann, der wird von den anderen geachtet. B. schaute sich die Technik bei einem Mithäftling ab. Heute sagt er über sich, dass er einer der bekanntesten Tätowierer in Torgau sei, über die Jahre habe er sich einen Namen gemacht. Doch wer hinter Gittern tätowieren will, muss kreativ sein: Die Tätowiermaschinen baut B. aus CD-Playern oder Haarschneidemaschinen – mit Löffeln, Stiften und einer Stecknadel, die er aus der Näherei besorgt. Ein weiteres Problem: die Farbe. Früher stellte er sie selbst her, indem er Rasierer verbrannte und den Ruß mit Lösungsmitteln mischte. „Das verblasst aber nach einer Weile“, spricht der Häftling aus Erfahrung. Heute schmuggeln die Insassen richtige Tätowierfarbe ins Gefängnis.  

B. versichert, dass er beim Stechen auf Hygiene achte. Er zieht Handschuhe an, benutzt entweder eine neue Nadel oder schleift die alte wenigstens ab. Einige Mithäftlinge, die auch tätowierten, verwendeten die Farbe mehrfach, gerade das sei gefährlich, sagt er. Doch trotz seiner Erfahrung hatte er immer mal wieder Probleme: Einigen Häftlingen sei beim Tätowieren schlecht geworden, auch Entzündungen seien schon aufgetreten. Wichtig sei es, das Tattoo nach dem Stechen gut zu pflegen – es am besten mit Vaseline, in der Not mit Butter einzureiben. Anders als in Freiheit muss das Stechen hinter Gittern schnell passieren. Aufwendige Skizzen werden selten angefertigt, meistens wird einfach drauflos tätowiert. Währenddessen steht ein Häftling Schmiere. Manche der Beamten tolerierten das Geschehen stillschweigend. „Viele gucken drüber weg“, sagt Sven B. Nur, wenn jemand pfusche, werde stärker kontrolliert. Wird ein Häftling doch erwischt, drohen ihm Einschluss oder ein bis zwei Wochen Freizeitsperre. Sven B. ist das schon mehr als 50 Mal passiert. Er macht trotzdem weiter. „Da können sie machen, was sie wollen.“ Es habe Zeiten gegeben, da habe er jeden Tag tätowiert. Der halbe Knast trage seine Handschrift.

„Viele hier haben Verlustängste.“

Häufig sind es Schriftzüge, die er sticht, solche, die die Häftlinge an ihre Familien erinnern oder Namen von Freundinnen. „Viele haben Verlustängste“, sagt B. „Andere wollen einfach dazugehören, weil hier fast alle tätowiert sind“, erklärt er. Und: Die meisten wollen Stärke ausstrahlen, lassen sich grimmig aussehende Teufel und Fratzen stechen. Die Motive sehen weniger filigran aus als solche, die professionelle Tätowierer stechen. Bedenkt man jedoch die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, muss man sagen, dass sie dennoch recht sauber gestochen sind, zumindest die meisten.

Auch B. hat gruselige Motive auf Armen und Beinen – als Ausdruck seiner „negativen Grundeinstellung dem Leben gegenüber“. Die Gitarre steht dagegen dafür, „dass ich mir Freiheit wünsche, auch wenn ich das nie so richtig hingekriegt hab“. Dabei gab es eine Zeit, in der er, wie er sagt, „gesellschaftsfähiger“ werden wollte. Motive im Gesicht und am Hals ließ er sich weglasern, auch die Knastträne unter dem Auge.
Doch der Wandel hielt nicht lange an. Erst vor Kurzem ließ sich B. wieder ein neues Tattoo an der Schläfe stechen. Ende 2018 wird er entlassen. Wie lange er draußen bleibt, weiß er nicht. Im März will er eine Therapie in einer Entzugsklinik beginnen. Es ist der vierte Versuch.
Ein Tattoo für 18 Euro:  Torsten steht auf Masken  
Einer, der Sven B.s Handschrift auf der Haut trägt, ist Torsten. Der 34-Jährige sitzt wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und Besitz von Kriegswaffen in der JVA Torgau. Torsten, raspelkurze Haare, massige Erscheinung, will nur seinen Vornamen nennen. Auch der gebürtige Stendaler ist ein Langzeithäftling. Insgesamt 18 Jahre seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht. Diebstahl, Körperverletzung, zählt er seine Sünden auf und dann sein Lebensmotto: „Man mag mich nicht, ich mag andere auch nicht.“  
Deshalb zeigen seine Arme, Beine und seit Neuestem der Hinterkopf maskenhafte Tattoos; es sind Fratzen, die den Mund zum Schrei verzerren oder zu einem satanischen Grinsen. Viele Motive sind im Gefängnis entstanden, die ersten schon 1995, als er das erste Mal in Jugendhaft saß. Sie sollen andere Menschen abschrecken, so Torsten. „Blumen passen nicht so zu mir.“ Einige Motive ließ er überstechen, weil sie „wirkllich versaut“ waren. Auf dem linken Arm hat er fast nur noch schwarze Farbe. „Mehr konnte man nicht draus machen.“ Torstens Tattoos wurden alle mit echter Tätowierfarbe gestochen, die er reinschmuggelte. Wohl auch deshalb hatte er nie Probleme mit Entzündungen. Andere Insassen kratzten früher Ziegel vom Dach, verbrannten Kulis, die sie mit Duschbad vermischten – und ritzen sich diese Farbmischung in die Haut. Er erlebte Notarzteinsätze, bei denen Häftlinge wegen einer Blutvergiftung behandelt wurden. Sein Tätowierer Sven B. sei zum Glück „jahrelanger Profi“. Torsten bestätigt dessen hohen Status. „Wer tätowieren kann, auf den passen wir auf.“ Die Ansprüche seien im Knast weniger hoch als draußen. „Eine krumme Linie stört hier keinen“, sagt Torsten. Dafür sind die Tattoos deutlich günstiger zu haben. Bezahlt wird in Tabak, der inoffiziellen Währung, oder in Drogen. „Manche können nur auf Drogen tätowieren“, sagt der Häftling. Ein handtellergroßes Tattoo, draußen für mindestens 100 Euro zu haben, kostet im Knast etwa zwei Tabakdosen –18 Euro. Das kann sich fast jeder leisten. „Manche kommen als weißes Blatt her und gehen volltätowiert wieder raus.“

Im Video-Interview erklärt Häftling Torsten, was man beim Tätowieren hinter Gittern beachten muss und was passiert, wenn man dabei erwischt wird.


2021 endet Torstens Haftstrafe. Er würde dann gern wieder arbeiten gehen, hat allerdings Zweifel, ob es klappt. Beim letzten Mal in Freiheit erklärte die Frau vom Arbeitsamt dem gelernten Fliesenleger, dass sie ihm keinen Job anbieten könne, erzählt er. Mit den vielen Tattoos sei er nicht vermittelbar.

Hakenkreuz und SS-Rune: Thomas Ritschers verbotene Symbole
Seine Tattoos, das seien Narben der Vergangenheit, sagt Thomas Ritscher. Totenköpfe und Spinnennetze bedecken die Haut des 40-Jährigen, der insgesamt 20 Jahre lang im Knast saß. Aktuell ist er in der JVA Torgau inhaftiert, wegen Diebstahls und Betrugs. Viele Motive erinnern ihn an bestimmte Lebensereignisse, den Tod seiner Mutter etwa.
Ritscher gefällt es nicht, dass Tattoos inzwischen zum Mainstream gehören. „Dieser Schicki-Micki-Trend, das ist doch alles Mist“, sagt der hagere Mann mit der leicht eingedellten Nase, die ihm einen gefährlichen Gesichtszug verleiht. Ritscher will mit seinen Tattoos die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe zeigen, zu jenen, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht gefunden haben. Thomas Ritscher wuchs in Gera auf, lebte lange in Leipzig, lernte nie einen Beruf. „Hatte ich keinen Bock drauf.“ 1992 ließ er sich das erste Tattoo stechen, ein Hakenkreuz, das er inzwischen mit einem Totenkopf überdeckt hat. Für die SS-Rune, die ebenfalls übertätowiert ist, musste er 2400 Mark Geldstrafe berappen. Seine Mutter war schockiert, dass er damals zur rechten Szene der Stadt gehörte. Später machte Ritscher eine Kehrtwende, identifizierte sich eher mit der Punkrockbewegung.

Im Video erzählt Thomas Ritscher, wie die Häftlinge in den Neunzigern heimlich tätowiert haben – und welche Strafen er dafür schon kassierte.


Er selbst hat Zeichentusche in der Haut, aber viele verwendeten damals selbstgemachte Farbe, „vor allem Ruß ist oft rausgeeitert“. Über Entzündungen oder Allergien hat sich der Häftling nie Gedanken gemacht. „Hauptsache erstmal drauf.“ Im August geht Thomas Ritscher für sechs Monate in Therapie in eine Suchtklinik, der Rest seiner Strafe, die bis 2018 reicht, wird dann zur Bewährung ausgesetzt. Für die Zeit draußen hat er schon Pläne: Er will einige Tattoos ausbessern lassen – und sich neue stechen lassen.

Heute sind seine Arme, Beine, die Brust, der Bauch und sein Rücken tätowiert. Auch das typische Knast-Tattoo, die drei Punkte, trug er mal auf der Hand. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Fast alle Tattoos ließ er sich im Gefängnis stechen, 1997 das letzte. „Langeweile war damals auch ein Grund“, erklärt der 40-Jährige. In den 90ern habe es kein Fernsehen gegeben. „Man musste sich ja irgendwie beschäftigen.“ Hinzu kam: Während heute Einzelzellen der Standard sind, waren früher mehrere Häftlinge in einer Zelle untergebracht. Sie drehten die Musik auf, damit der Sound das Geräusch der aus einem Kassettenrekorder gebastelten Tätowiermaschine übertönte und los ging’s, erzählt Ritscher. Außerdem wurde nachts tätowiert – wenn es keiner mitbekam.

„Ein Hakenkreuz auf dem Rücken ist kein Problem“

Der Leipziger Rechtsanwalt Tommy Kujus, 29, ist spezialisiert auf Strafrecht und vertritt immer wieder Mandanten, die Tätowierer verklagen. Der häufigste Fall: Minderjährige, bei denen die Eltern später herausfinden, dass sie sich ein Tattoo stechen ließen – und davon meist gar nicht begeistert sind.
Ist ein Tattoo eine Körperverletzung? Ja, das ist in der Tat so. Jemand verletzt mit Nadel und Tinte die Haut eines anderen. Das ist per se eine Körperverletzung, die theoretisch strafbar ist. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
  Jetzt folgt das aber … Wenn der Kunde in die Körperverletzung einwilligt, geht der Tätowierer straffrei hervor. Oft drehen sich die Fälle darum, ob tatsächlich eingewilligt wurde oder nicht. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Muss die Einwilligung schriftlich gegeben werden oder reicht eine mündliche Absprache? Theoretisch reicht es mündlich. Dann ist es allerdings schwierig, das später nachzuweisen. Alle halbwegs seriösen Tätowierer verlangen deshalb eine schriftliche Einwilligung. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Welche Ansprüche hat ein Kunde, wenn der Tätowierer das Motiv verpfuscht? Zum einen zivilrechtliche Ansprüche, das sind Schadensersatz, eventuell Schmerzensgeld dafür, dass man eine gewisse Zeit entstellt ist. Wenn sich herausstellt, es steckt ein handwerklicher Fehler dahinter, ergeben sich Schmerzensgeldansprüche. Das können kleinere Beträge von einigen hundert Euro sein, aber auch Summen im vierstelligen Bereich. Die Höhe hängt davon ab, wie groß das Tattoo ist und ob es zum Beispiel im Gesicht gestochen wurde und dadurch viel mehr auffällt, als an anderen Körperstellen. Will sich der Kunde das Tattoo entfernen lassen, ergeben sich dafür extra Ansprüche. Außerdem gibt es eine strafrechtliche Seite, also eine Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung. Möglich sind hier Geld- oder Freiheitsstrafen. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Kann ein Tätowierer für ein verpfuschtes Tattoo wirklich im Gefängnis landen? Das ist theoretisch möglich. Es kommt darauf an, wie oft er schon gepfuscht hat. Passiert das über Jahre hinweg, sind die rechtlichen Möglichkeiten dafür gegeben. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Wie verhält es sich mit Tattoos bei Minderjährigen? Hier muss der Tätowierer einschätzen, ob der Jugendliche reif genug für ein Tattoo ist und überblickt, dass er es nächste Woche nicht wieder abwaschen kann. Sollte sich herausstellen, dass er nicht reif genug ist, wäre die Einwilligung des Minderjährigen unwirksam. Dann hätte sich der Tätowierer wegen einer Körperverletzung strafbar gemacht. Starre Altersgrenzen gibt es da nicht, da es jeweils auf den Jugendlichen selbst ankommt. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Das heißt, ein 16-Jähriger darf sich ein Tattoo stechen lassen, wenn die Eltern einverstanden sind? Ja, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren brauchen die Einwilligung der Eltern, dann ist es in Ordnung. Problematisch ist der so genannte Taschengeldparagraph. Danach dürfte ein Kind zwischen sieben und 18 Jahren selbstständig, auch ohne Einwilligung der Eltern, Geschäfte abschließen, wenn es die Rechnung mit seinem eigenen Taschengeld bezahlt. Der Handel mit dem Tätowierer gilt dann nicht, wenn die Eltern Tattoos explizit verboten haben. Wenn man sich absichern möchte, dann am besten erst Jugendliche über 18 Jahren tätowieren. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Lassen Sie uns noch über die Motive sprechen. Darf ich mir ein Hakenkreuz stechen lassen? Das Tragen verfassungsfeindlicher Symbole ist erlaubt. Nur das öffentliche Zeigen ist verboten. Ein Hakenkreuz auf dem Rücken ist kein Problem, solange man ein T-Shirt darüber trägt. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zur nächsten Frage.
Macht sich der Tätowierer strafbar, wenn er solche Symbole sticht? Er selbst hat damit nichts zu tun und ist damit straffrei. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum Fall Peter May.
Hakenkreuz im Schwimmbad: Der Fall Peter May Das Amtsgericht Pirna verurteilte im April den Dresdener Peter May wegen verfassungswidriger Tätowierungen zu vier Monaten Haft ohne Bewährung. Der 32-Jährige ließ sich auf Brust, Rücken und rechten Arm zahlreiche verbotene Zeichen tätowieren, etwa Hakenkreuze, Siegesruhnen und einen Totenkopf. Als er in einem Freibad in Pirna ohne T-Shirt herumlief, wurden die rechtsextremen Tattoos sichtbar. Einige Badegäste verständigten die Polizei.
Jugendsünde Arschgeweih Dr. Wenzel lasert Tattoos weg  
Mit geübter Hand bewegt Hans-Christian Wenzel den Laser über den Nacken von Julia Horvath. Beide, Arzt und Patientin, tragen lilafarbene Sonnenbrillen, die die Augen schützen. Es klingt, als würde jemand mit den Fingern schnipsen, wenn der rote Laserstrahl die Farbpigmente in winzige Teile zersprengt – „wie bei einer Miniexplosion“, erklärt der Leipziger Hautarzt.
Nach nicht mal einer Minute ist das Prozedere vorbei. Zurück bleiben weiße Punkte. Das sind kleine Gaspartikel, die sich in der Haut einlagern, nach einiger Zeit aber wieder verschwinden, erklärt Wenzel. Und mit ihnen das Tattoo, hoffentlich. Julia Horvath ist bereits zum 6. Mal in der Praxis des Leipziger Dermatologen. Mit 18 ließ sie sich einen Strichcode in den Nacken stechen, weil die amerikanische Popsängerin Pink so etwas hatte. „Eine typische Jugendsünde“, sagt die 30-Jährige, die in der Verwaltung eines Leipziger Elektromarkts arbeitet, und seufzt. „Das Tattoo war zum einen schlecht gestochen“, erklärt sie. „Und außerdem hat es nicht mehr zu mir gepasst.“ Sie hätte die Stelle übertätowieren lassen können, aber „ein großes Tattoo auf dem Hals fand ich nicht so fraulich“. Also gab es nur eine Lösung: den Laser.
Wenn das Gerät über ihren Nacken gleitet, fühlt es sich an, „als ob man eine Silvesterrakete auf die Haut geschossen bekommt“, beschreibt Horvath, „sehr unangenehm“. Das Ganze sei mit Abstand schlimmer als das Stechen des Tattoos – und auch deutlich teurer. Etwa 800 Euro kostet die Entfernung des Motivs. Je nach Größe sind pro Sitzung zwischen 50 und 200 Euro fällig, die Krankenkasse zahlt nichts dazu.
Etwa 40 Menschen kommen pro Monat in Wenzels Praxis, um sich ein Tattoo entfernen zu lassen, das sie inzwischen bereuen, zwei Drittel davon Frauen. „Vor zehn Jahren war es vielleicht die Hälfte“, so der Laserspezialist. Die Zahl habe vor allem in den vergangenen zwei Jahren massiv zugenommen. Besonders jungen Leuten gefällt manche Tätowierung schon nach kurzer Zeit nicht mehr.


Im Video erklärt Dr. Wenzel, was beim Lasern genau passiert.


Ob sich das missliebige Motiv entfernen lässt, kann der 55-Jährige nicht mit Sicherheit vorhersagen. „Es gibt Tätowierungen, die gehen komplett weg, bis auf eine kleine Schattierung, andere fast gar nicht.“ In der Regel seien mindestens sechs Behandlungen erforderlich, jeweils im Abstand von acht bis zwölf Wochen. Nur selten reichen vier Behandlungen, zum Beispiel bei Tätowierungen an Fingerrücken. Wenn Wenzel merkt, dass sich nach zwei Sitzungen noch nichts getan hat, dann rät er dem Patienten ab, weiterzumachen. Bestimmte Farbstoffe lassen sich besonders gut entfernen, vor allem ältere blau-schwarze DDR-Tätowierungen, Kohle oder Tusche, sagt Wenzel. „Bei anderer Farbe ist der Erfolg des Lasers schwer einzuschätzen“, gibt er zu, es hänge von der Wellenlänge der Strahlen ab. Einige Laser wirken besonders gut bei blauschwarzen Tattoos, andere besser bei roten Tattoos. Allerdings sei das Ganze abhängig von der Dicke und dem Wassergehalt der Haut, der Körperstelle – und von der chemischen Struktur der Farbe.

„Es wurden immer wieder fragwürdige Farbstoffe eingesetzt.“

Das Kernproblem ist: Der Hautarzt kann nur mutmaßen, woraus die Farbe besteht und wie gefährlich sie für die Gesundheit der Tätowierten ist. Am verträglichsten seien Kohlepartikel der alten Tätowierfarbe, die häufig bei DDR-Tattoos verwendet wurden, so der Dermatologe. „In der Vergangenheit wurden aber immer wieder fragwürdige Farbstoffe eingesetzt, die ein Schädigungspotenzial haben“, spricht Wenzel aus Erfahrung. Am schlimmsten sei es in Gefängnissen, wo einfach irgendwelche Substanzen in die Haut gestochen werden.

Ab und an komme es auch vor, dass die Farbe allergische Reaktionen hervorruft. Beobachtet habe er das vor allem bei rotem Farbstoff. „Bei einer großen Fläche kann so eine Allergie fatal sein“, warnt Wenzel. Er hatte schon Patienten, bei denen ein großflächiges Tattoo monatelang entzündet war, die Haut aufwendig entfernt werden musste. Aus ärztlicher Sicht steht für ihn fest: „Ein Tattoo ist ein Fremdkörper in der Haut, das ist nichts Natürliches.“ Eine weiteres Risiko ergibt sich aus der Tattooentfernung: Bei einigen Pigmenten sei schwer zu sagen, was mit ihnen beim Beschuss durch den Laser geschieht. Es sei möglich, dass erst dadurch krebserregende Substanzen freigesetzt werden, betont Wenzel. Geht alles gut, ist der Patient das unliebsame Tattoo nach einigen Monaten wieder los. Eine kleine Narbe aber, die kann bleiben.
Julia Horvath ist froh, wenn die Tortur bald ein Ende hat. Voraussichtlich noch zwei Mal muss sie den Laser an ihre Haut lassen, dann wird von der Jugendsünde nichts mehr zu sehen sein. Umso mehr Aufmerksamkeit bekommen nun die anderen Motive auf ihrem Körper, die sie sich später stechen ließ. Ein japanischer Koi ziert ihr Bein, Luftballons erinnern an ihre verstorbenen Großeltern, ein Puzzleteil auf dem Arm an ihre beste Freundin, die das Gegenstück auf der Haut trägt. Dass ihr eines der anderen Tattoos eines Tages nicht mehr gefällt, glaubt die Leipzigerin nicht. „Die Motive waren deutlich besser überlegt.“


Was Julia Horvath anderen Tätowierten empfiehlt, verrät sie im Video.


Nur für Mutige: Do-it-Yourself-Tattoos

Im Stichgebiet, einem Tattoo-Studio in Leipzig-Lindenau, kann man seine Freunde selbst tätowieren. Paula Drope hat es ausprobiert und ihre Freundin Verena Ritter (beide 24) mit der Nadel bearbeitet. Ein Selbstversuch aus zwei Perspektiven.
Paula: Der erste Blick ins Tattoo-Studio der Schwestern Evelyn und Peggy Miksch zeigt: Peggy, die Tätowiererin, versteht ihr Fach und hat Talent. In dem hell gestrichenen Raum mit den weißen Möbeln hängen ringsherum ihre Zeichnungen an der Wand, einige sind Entwürfe, andere hat sie so schon auf die Haut gebracht. Doch Peggys Talent bringt uns an diesem Sonntagmittag nichts. Denn wir sind hier für ein Do-it-yourself-Tattoo. Ich soll Verena tätowieren – und so langsam geht mir ein bisschen die Muffe. Verena: Sollte es auch! Ich bin selbst ein wenig panisch. Was, wenn Paula die Nadel ausrutscht? “Ich muss das ein Leben lang mit mir herumtragen! Mach keinen Scheiß!”, schreit der Angsthase in mir. Ich versuche, ihn zu beruhigen. “Wir üben doch gleich erstmal.” Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
“Wir sind bei jedem einzelnen Schritt dabei”, erklärt Peggy und breitet die Utensilien, die wir gleich brauchen, auf einem Tisch aus. Alles wird sterilisiert und in Plastik eingepackt – Farben, destilliertes Wasser und die Tätowiermaschine. Hat ein bisschen was von einer OP. Geübt wird auf Schweinehaut. Während ich mich noch frage, wie kompliziert das schon sein kann, wird es mir schneller klar als gedacht: Das Maschine hält sich nicht wie ein Stift und irgendwie verkrampft sich mein Handgelenk leicht, als ich versuche, das Ding im 90-Grad-Winkel über den Hautlappen zu halten. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Betont langsam ziehe ich meine erste Linie. “Viel zu schnell!”, pfeift mich Peggy zurück. Also noch langsamer? “Immer noch zu schnell. Und guck mal deine Linie – du musst tiefer stechen.” Scheiße! Ich glaub, ich hab kein Talent. “Na dann probier’ mal den Vogel”, sagt Peggy aber jetzt mit einem Lächeln. Der wird ganz ok. Eine Linie verhaue ich total, aber ein bisschen Schwund ist ja bekanntlich immer. Bloß nicht zu viel drüber nachdenken. Das Erklären, die Übung, das Motiv auf die Blaupause bringen – das alles hat jetzt schon zwei Stunden gedauert. Jetzt wird es ernst. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.  
Mein Angsthase wird nun doch wieder nervös: Bis hierher war ja alles lustig und interessant aber jetzt soll ich Paula wirklich an meine Haut lassen?! Peggy rückt die Liege zurecht, packt alles in neues Plastik ein, inklusive mir: Plastikschürze, Plastikhandschuhe, Plastikarmstulpe und nicht zu vergessen der Mundschutz. Ich will ja nicht angeben, aber ich rocke das Outfit. Bleibt mir nur noch, Paula die Ernsthaftigkeit der Lage bewusst zu machen: “Dir ist klar, dass wir jetzt für immer Freunde bleiben müssen?!” Ich lache, nicke und sterbe innerlich tausend Tode. Versauen ist keine Option! Von links nach rechts steche ich die Linien des kleinen Origamivogels nach. Peggy wischt die überschüssige Farbe weg (eigentlich soll ich das selbst machen, scheitere aber an Zaghaftigkeit), gibt weiter Hinweise und achtet darauf, dass mir keine groben Schnitzer passieren. Nach nicht einmal fünf Minuten ist es vorbei. Eine Linie habe ich versemmelt, aber das haken wir mal unter Charakter ab. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Bild.
Ich betrachte das Foto, das Paula mit ihrem Handy macht. Zuerst erschrecke ich: Das Ganze sieht furchtbar unscharf aus! Peggy sieht mein leicht geschocktes Gesicht: “Du musst dir das ohne die Linien von der Blaupause denken. Die gehen beim Duschen weg.” Gott sei Dank! Denn Anspruch auf eine kostenlose Nachbearbeitung hätte ich nicht – dass das DIY-Tattoo nicht wie eines vom Profi aussieht, gehört dazu. Das haben Evelyn und Peggy schon am Anfang erklärt. Das DIY-Tattoo ist auf jeden Fall etwas für Mutige – auf beiden Seiten der Nadel. Auf Facebook gibt’s das Feedback unserer Freunde. Von “super” und “tätowier mich auch” bis “naja” und “die verwackelte Linie ist in spätestens zehn Jahren was für ein Coverup” ist alles dabei. Abends schreibe ich Verena nochmal: “Gefällt es dir noch?” Ja, es gefällt mir noch. Besser sogar als noch vor ein paar Stunden. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Text.

Besser im Studio als zu Hause

Das Tattoostudio Stichgebiet bewirbt das Do-it-yourself-Tatoo als besonderen Liebes- oder Freundschaftsbeweis. Für eine Person kostet das Ganze inklusive Einführung, Betreuung und Material 120 Euro. Das ist nicht billiger als ein Profitattoo. Auch wenn Ladenbetreiberin Evelyn betont, dass man beide Angebote kaum vergleichen könne. Wenn Peggy tätowiert, fällt der Erklärungsteil minimal aus, beim DIY-Tattoo nimmt Üben und Einweisung 95 Prozent der Zeit ein. Dennoch: „Besser, die Leute machen es unter Aufsicht hier als zu Hause. Da bekommst du nie die Hygienestandards, geschweige denn die richtigen Maschinen und Farben”, sagt Evelyn. Klicken Sie rechts auf den Pfeil zum nächsten Text.

Selber tätowieren ist in der Szene verpönt

In der Szene ist das Angebot umstritten. “Viele Tätowierer aus Leipzig habe uns das vorgeworfen. Sie sehen außerdem die Ehre des Berufs gefährdet. Unter einem MDR-Bericht über uns gab es einen richtigen Shitstorm wegen der Sache”, berichtet sie.  “Wir hätten nie gedacht, dass wir damit jemandem auf die Füße treten. Wir dachten einfach, das ist eine schöne Geschäftsidee. Zurückrudern wollen die beiden Tätowiererinnen nicht: “Das Angebot einzustellen, kommt überhaupt nicht in Frage”, sagt Evelyn. Diese Reportage erschien zuerst auf null341.com. Die lange Version finden Sie hier:Tattoos selber stechen
Die Tattoo-WG: Das Model und der Farb-Süchtige  

Christoph Pährisch und Merten Waage teilen als Mitbewohner in Leipzig nicht nur Küche und Bad, sondern auch eine spezielle Leidenschaft: Beide stehen auf Tätowierungen und haben ihre Körper zur Leinwand gemacht.

Christoph Pährisch ist nervös. Leicht unruhig sitzt er auf einer Liege in der Wohnung eines Freundes in Leipzig-Lindenau und blickt auf seine Wade. Dann geht es los. Die Tätowiermaschine sticht die Farbe in seine Haut, 0,5 bis ein Millimeter tief, etwa 1000 Mal pro Minute. Nach eineinhalb Stunden ist es geschafft, ein farbenfroher Drachen prangt nun auf dem Bein des 24-Jährigen – als Schmuckelement über dem Knöchel, erklärt er. Ein Kumpel, der mit dem Tätowieren erst anfängt, durfte sich heute an Pährischs Bein ausprobieren. Er ist buchstäblich das Versuchskaninchen. Und zufrieden. Zum Glück.
Aber was wäre schon ein versautes Motiv, bei der Masse an bunter Farbe, die Pährisch in seiner Haut trägt? Wie viele Tattoos er hat, sei schwer zu sagen: Der Arm und die Hände sind komplett voll, außerdem die Brust und ein Teil der Beine. Und für ihn steht fest: „Ich will immer mehr.“ Innerhalb von nur vier Jahren hat er seinen Körper dadurch stark verändert. Das erste Tattoo ließ sich Pährisch mit 20 stechen. Ein Tätowierer aus Plauen schrieb ihm „Life goes on“ auf die Brust, 300 Euro kostete das Ganze.  
Heute ist seine Haut etwa 5000 Euro wert. In seinem Heimatort Drebach im Erzgebirge, einem kleinen Ort zwischen Annaberg-Buchholz und Zschopau, war er seitdem der bunte Vogel. „Auf dem Dorf hatte das sonst niemand.“ Genau das wollte Pährisch: Sich abheben, rebellieren gegen das evangelische, strenge Elternhaus, in dem er aufwuchs. Seine Familie ist bis heute schockiert von seinem Körperschmuck. Bereut hat der Mittzwanziger bisher nur ein Tattoo auf seiner Wade, das er einer amerikanischen Hardcore-Band gewidmet hat, die ihm heute nicht mehr gefällt. „Andere Musiker hätten den Platz inzwischen mehr verdient“, sagt Pährisch. Vielleicht lässt er die Stelle bald übertätowieren.
Sein Vorbild: die voll tätowierten Punkmusiker, deren Konzerte er besucht. Weil die eher in Leipzig als im Erzgebirge spielen, zog Pährisch vor einem halben Jahr in eine WG in die Messestadt. Er arbeitet hier als Fachkraft für Lagerlogistik und nebenbei als Tattoo-Model. Firmen, die szenetypische Klamotten vertreiben, buchen den schlaksigen großen Typen für ihre Modeshootings, vielleicht auch wegen seines auffälligen Schnurrbarts, der an den von Sat1-Anwalt Ingo Lenßen erinnert. „Tattoos sind bei den Shootings keine Voraussetzung, aber von Vorteil“, erklärt Christoph Pährisch. „Und offensichtliche Motive an Hals oder Händen pushen das.“

Im Video erklärt Christoph Pährisch, worauf es beim Tattoomodeln ankommt.


Geld verdienen kann er mit dem Job bisher nicht, im Gegenzug bekommen die Models Gutscheine für die Klamotten des Händlers und häufig die Fotos gratis. Pährisch würde das Modeln gern ausbauen. Doch professionell betreiben das in Deutschland nur ganz wenige, zum Beispiel das Tattoo-Model Victoria van Violence. Auf Instagram hat Pährisch dafür schon eine ordentliche Fangemeinde. 7500 Menschen folgen den Fotos, die er unter seinem Künstlernamen „xthecurtainfellx“ postet. Das neueste Werk neben dem Drachen auf dem Bein sind seine tätowierten Finger. Vor knapp drei Wochen ließ er sich verschiedene Ornamente dorthin stechen. Die Haut schält sich gerade ab. Sechs Wochen wird es dauern, bis sich die obere Hautschicht vollständig regeneriert hat, ähnlich wie bei einem Sonnenbrand.

„Ich bin froh, wenn es nicht weh tut.“

Besonders unangenehme Stellen für Tattoos seien das Handgelenk, der Ellenbogen und die Achselhöhle. „Das ist so schmerzhaft, dass du denkst, jemand würde deinen Arm abziehen“, versucht Pährisch das Gefühl zu beschreiben. Anders als manch anderer Tattoo-Fan steht er nicht auf diese Art von Schmerz. „Ich bin froh, wenn es nicht weh tut.“

Merten Waage kennt das Gefühl. Der Mitbewohner von Pährisch ist ebenfalls stark tätowiert und drückt es noch drastischer aus: „Eigentlich fühlt man sich wie auf einer Schlachtbank.“ Für die Körperverzierung nimmt der zierliche junge Mann mit dem breiten Lächeln einiges in Kauf. Die rechte Seite seiner Rippen hat er seit einem Dreivierteljahr in Arbeit. „Dort tätowiert man mit der Maschine eigentlich auf dem Knochen“, erklärt der Germanistik- und Politikstudent. „Das ist richtig brutal.“ Aber er sei eben tattoosüchtig, so der 24-Jährige. Merten Waage wurde in Riesa geboren, mit 19 ging er für drei Jahre an die Offiziersschule des Heeres in Dresden. „Ich hatte schon immer Bock auf Tattoos, aber ich hab mich nicht getraut.“ Sein volltätowierter Chef schleppte ihn damals mit zu seinem Tätowierer. Der stach Merten Waage den Schriftzug „Family“ auf den Bauch. Kostenpunkt: 550 Euro. Waage gibt zu, dass es sich um ein „sehr teures Hobby“ handelt. Auf einem seiner Arme sind Motive im Wert von 900 Euro zu sehen.

Woher kommt das Wort „Tattoo“?

Der Begriff Tattoo leitet sich vom polynesischen Wort „tatau“ ab, was das Geräusch beim Tätowieren mit den dort üblichen Werkzeugen widergibt. Auf einigen dieser Pazifikinseln heißt „ta“ so viel wie „schlagen“ und „tatau“ so viel wie „Zeichen oder Hautverzierung“. James Cook brachte den Begriff dann nach Europa – er hatte es auf seiner Reise nach Tahiti aufgeschnappt. Tätowieren war allerdings schon seit Jahrtausenden in Europa bekannt.

Merten Waage steht auf Tattoos
Was ihn an Tattoos fasziniert? „Ich glaube, es ist das Gefühl, außenstehend zu sein, sein eigenes Ding zu machen, der Gesellschaft zu zeigen, dass man anders ist.“ Jedes Tattoo hat einen familiären oder religiösen Bezug. Waage will kein Mainstream-Motiv wie Sterne oder ein Banner, er zeichnet alles selbst. Der Adler auf dem Arm erinnert an seinen verstorbenen Vater; Kompass, Sanduhr und Rosen stehen für die Vergänglichkeit; ein selbst gestochenes Herz widmete er seiner Mutter Kathrin. „Sie hat geweint“, erzählt er. „Es war eine tolle Überraschung.“
Waages erklärtes Ziel: den ganzen Körper in Farbe tauchen. „Je besser mein Lebensstandard wird, umso mehr Tattoos werden es.“ Tabuzonen seien nur der Genitalbereich – „das ist zu krass“ – und das Gesicht –„finde ich nicht ästhetisch.“ Dass seine Tätowierungen im Alter nicht mehr gut aussehen, davor haben Merten Waage und Christoph Pährisch übrigens keine Angst. „Mit 70 sieht jeder verbraucht aus“, finden beide. Da fallen Tattoos auf schlaffer Haut kaum noch auf.
In die Haut geschnitten – Juliane Kunze steht auf künstliche Narben    
Knallrote Haare, Nasenpiercing, auffällige Tattoos – Juliane Kunze sticht aus der Masse deutlich heraus. Doch eine Besonderheit an ihrem Körper sieht man nicht auf den ersten Blick: Die 26-Jährige hat sich Motive in die Haut ritzen lassen. Cutting nennt man die Körpermodifikation, bei der eine gewollte Narbe entsteht.
Kunze fand diese Form der Körperveränderung schon immer faszinierend. Vor fünf Jahren ließ sie sich auf der rechten Seite über der Hüfte eine Lotusblüte in die Haut schneiden, auf dem Bauch trägt sie seit drei Jahren einen gordischen Knoten – ein Symbol für Unendlichkeit – weil sie glaubt, dass man nach dem Tod weiterlebt. Eine erfahrene Piercerin aus Hamburg gestaltete die beiden Cuttings. „Sie hat ein Versuchskaninchen gesucht“, sagt Juliane Kunze gerade heraus – und lächelt dabei. Angst, dass es schiefgehen könnte, hatte die Leipzigerin nicht. „Ich habe ihr vertraut.“

„Es war sehr unangenehm, wenn die Haut an den Ecken getrennt wurde.“

Ähnlich wie beim Tätowieren wird beim Cutten zunächst eine Schablone auf die Haut aufgebracht. Beim Schneiden gibt es zwei Varianten. Nummer eins, für die sich Juliane Kunze entschied: Der Tätowierer schneidet das Motiv mit einem Skalpell aus, kleine Hautstellen werden ausgestanzt – das alles erfolgt ohne Betäubung. Bei Variante zwei, dem Skin removal, werden ganze Hautflächen gezielt herausgeschnitten. Eineinhalb Stunden lang unterzog sich Kunze dieser Prozedur. Sie sagt: „Es war sehr unangenehm, wenn die Haut an den Ecken getrennt wurde.“ Andererseits sei ein Skalpell sehr scharf und sie habe unglaublich viel Adrenalin im Körper gespürt. Als unangenehm empfand sie nur das viele Blut, das aus der Wunde austrat. „Das war ein ekliges Gefühl.“

Die Narbe muss anschließend aufwendig gepflegt werden. Vier Wochen lang rubbelte sie den entstehenden Schorf mit einer Zahnbürste herunter, damit die Wunde offen bleibt und sich eine gleichmäßige Narbe bildet. „An den ersten vier, fünf Tagen ist das gar nicht schön“, erinnert sie sich. Außerdem: reinigen, und viel eincremen. Für Juliane Kunze haben sich die Schmerzen dennoch gelohnt: Sie ist zufrieden mit den beiden Cuttings. „Ich hatte eigentlich keine Angst, dass sie missgebildet aussehen.“
Der Leipziger Hautarzt Hans-Christian Wenzel sieht hingegen die Gefahr, dass sich die Wunde infiziert oder eine Narbe bleibt, die so nicht gewollt war. Dass ihr die Narben im Alter nicht mehr gefallen, diese Sorge teilt sie nicht. „Mein Körper verändert sich eben, das gehört dazu.“ Für Juliane Kunze scheint der eigene Körper vor allem ein Kunstobjekt zu sein, eines, das immer wieder verändert wird. Über dem Ringfinger trägt sie ein kleines Silikon-Implantat in Herzform, das unter die Haut geschoben wurde. In der Nähe des Schlüsselbeins hatte sie eine Zeitlang ebenfalls zwei Silikonimplantate in Form einer Acht. Die ließ sie sich inzwischen wieder entfernen, weil sie sie beim Sport störten.
Irgendwann soll die Arbeit am „Kunstwerk Körper“ abgeschlossen sein, dann, wenn Kunze vollständig tätowiert ist– ihre Arme, Beine, Bauch und Rücken sind es schon. Ihren Hund Hilde, das Konterfei ihrer Mutter, einen Pfau – all das trägt sie auf der Haut. „Einfach nur, weil es schön ist“, versichert sie. Ihr Vorteil: Als Sozialarbeiterin, die beim Kindernotdienst der Stadt Leipzig angestellt ist, stören ihre Tattoos niemanden. „In einer Bank könnte ich damit wahrscheinlich nicht arbeiten.“

Was ist ein Branding?

Branding ist eine Form der Körpermodifikation, bei der eine erwünschte Brandnarbe entsteht. Wie auch Cuttings bieten sie nur wenige Tattoostudios an. Es gibt zwei Varianten: Beim „Strike Banding“ wird ein glühendes Stahlplättchen auf die Haut gedrückt – ähnlich wie bei einem Stempel. Beim „Cautery Branding“ wird die Haut durch Strom verödet. Dabei wird eine auf die Haut gezeichnete Schablone nachgezeichnet.

Was sind Augen-Tattoos?

Augen-Tätowierungen sind keine richtigen Tattoos. Dabei wird in der Regel schwarze Farbe in den Augapfel gespritzt. Um den sichtbaren Teil der weißen Augenhaut einzufärben, sind etwa 40 Stiche nötig. Tätowierer und Ärzte warnen jedoch: Das Ganze sei extrem riskant und kann schwere Schäden bis zur Blindheit nach sich ziehen. Die Farbe kann sich zum Beispiel unkontrolliert zwischen Bindehaut und Lederhaut verteilen.

Was sind UV-Tattoos?

UV-Farben sind wasserlösliche Farbstoffe, die von Kunststoffkügelchen umgeben sind. In Verbindung mit UV-Licht zersetzt sich die Farbe. Dadurch leuchtet das Tattoo. Das Gefährliche: Solche UV-aktiven Substanzen können die Haut reizen. Der Leipziger Tätowierer Philip Rost hält die Farbe für fragwürdig und zu riskant. „Mein gesunder Menschenverstand rät mir davon ab, so was zu stechen.“

Das erste Motiv ließ sie sich mit 16 stechen. Inzwischen sei sie der Sucht nach immer mehr Farbe verfallen. Wenn ihr ein Motiv nicht mehr gefällt, lässt sie etwas anderes darüber stechen. Beim Cutting ist das nicht möglich, es bleibt ein Leben lang. Über dem gordischen Knoten prangt zwar auch ein Tattoo – aber nicht um die Narbe zu verstecken, sondern als zusätzliches Schmuckelement.
Die radikalste Variante unliebsame Motive zu loszuwerden, ist, sie einfach unter schwarzer Farbe zu verstecken. Ihren rechten Unterarm hat Kunze schon schwärzen lassen, auch ein Bein soll noch komplett in Schwarz getaucht werden. Tätowieren oder Cutten – beides ist mit ähnlichen Schmerzen verbunden, sagt Kunze. Belohnt wird die junge Frau jedoch stets mit demselben Gefühl: „Ich bin stolz auf mich, dass ich es geschafft habe.“
Quellen: IHK Sachsen und Thüringen, Tätowiermagazin Extra, 
Museum an der Runden Ecke Leipzig, Repräsentative Befragung der Ruhr-Uni Bochum 
unter ca. 2.000 deutschsprachigen Männer und Frauen, 2014
Tattoo-Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, 
Befragung unter 1500 Personen ab 16 Jahren, 2014
Video-Interviews und Texte: Nathalie Helene Rippich,
Tatjana Kulpa, Gina Apitz; 
Fotos und Videodreh: Dirk Knofe; Schnitt: Leipzig Fernsehen; 
Animation und Grafik: Patrick Moye; 
Konzept, Produktion: Gina Apitz
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