Die schwarze Mühle

Auf dem Heimweg von einem Hausbesuch im Leipziger Norden fiel sie mir im vergangenen Herbst schon ins Auge – die Turmholländerwindmühle in Lindenthal. Dass mich Monate später ihr Besitzer Klaus-Peter Reinhold mal zu einer spannenden Mühlen-Exkursion einladen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Vor einer Woche war es soweit.

Familie verleiht Denkmal Flügel

Das historische Bauwerk mit einer doppelten Windrose und tausenden Ziegelsteinen stammt aus dem Jahr 1892 und war über 100 Jahre im Besitz der Müller- und Bäckersfamilie Eschenhorn, die die Mühle bis 1948 mit Wind, später bis 1960 mit Motorkraft betrieben hatte. „Als wir die Mühle vor sieben Jahren übernahmen, war sie in einem katastrophalen Zustand: Außen ganz schwarz – die Farbe diente im Zweiten Weltkrieg als Tarnung vor den Bombenflugzeugen – und innen verschalt mit Sprelacart, zudem zugekleistert mit Tapeten. Es war einfach nur muffig und stickig wie in einem Keller“, erzählt Sohn Robert. Und Vater Klaus-Peter, der sich in seiner Arztpraxis ganz in der Nähe um das medizinische Wohl seiner Patienten kümmert, ergänzt: „Hier hätte man nicht mal eine Bierbüchse getrunken.“ Dutzende Helfer packten – wie früher beim Subbotnik – kräftig mit an, entkernten die Mühle und entsorgten den Schutt containerweise. Um die schwarze Außenfarbe zu entfernen, musste die Mühle für sechs Monate eingerüstet werden. Jetzt erstrahlt sie in neuem Glanz.

Die 125 Jahre alten Dielen und Treppen mussten erneuert werden, ebenso die Elektrik. Allein das Verfugen – altes Material raus, neues rein – war ein Fass ohne Boden, so Robert, das älteste Kind des ehemaligen Chirurgen, der jeden Schritt des werkelnden Zimmermanns begleitet hat. Der historische Familienbesitz ist dem 24-Jährigen ans Herz gewachsen, denn das Faible für Altes ist ihm in die Wiege gelegt worden.


Die größte Herausforderung waren die 120 Jahre alten morschen Balken, die neu angeschuht werden mussten. Durch Zufall wurde der Mühlenbauer Martin Wernicke aus dem nordsächsischen Kyhna gefunden, der sich dieser Aufgabe widmete. Auch sonst haben die Reinholds viele Experten um sich gescharrt: Mühlentechniker und -zeichner und jede Menge Liebhaber, die dem historischen Bauwerk verfallen sind.

Herzstück der Mühle

Das Herzstück der Mühle, die Technik, befindet sich ganz oben unterm Dach. Hier läuft das Kammrad mit 225 neuen Zähnen. Die alten Zacken aus Hainbuche gibt’s als Souvenir. Auf die neun Meter langen Flügel aus sibirischer Lärche und die doppelte neu gebaute Windrose, die die Haube in den Wind drehen kann, sind Vater und Sohn besonders stolz.

 

Nach zwei Jahren Bauzeit, am 28. Juli 2013, lud die Familie Reinhold enge Freunde und Wegbegleiter zur großen Einweihungsparty in die Lindenthaler Windmühle. Jeder brachte ein Präsent mit Flügeln mit, etwa eine Mühle als Miniaturausgabe oder gemalt auf Porzellanteller zur Dekoration der Ziegelwände. Auch jedes der vier Kinder bekam ein besonderes Geschenk: Klein-Klara, heute vier Jahr alt, wurde das Erdgeschoss zugesprochen. Dort finden neuerdings auch alle Familienfeiern statt – alte Mehlsäcke, Schilder oder Originalbilder erinnern an alte Zeiten. Küche und Toilette wurden allerdings in den Flachbau auf dem Grundstück ausgelagert. „Seitdem wir die Mühle nutzen, bleibt es zu Hause sauber“, schmunzelt der Doktor.

Pferdezimmer in 360 Grad


Die erste Etage ist das sogenannte Pferdezimmer von Tochter Emma (16), die seit zehn Jahren dem Pferdereitsport verfallen ist. An der Wand hängen Dreschflegel, Sense und eine echte Kornschaufel. Auch ein originaler Mühlenstein, der am Seilzug eigenhändig hochgezogen wurde, hat einen Platz gefunden.

Lesezimmer von Martha

Über eine Treppe geht’s in den zweiten Stock, ins Lesezimmer von Tochter Martha (11). Das ist mit einem Leipziger Mädler-Koffer und Hellerauer Sitzmöbeln aus Dresden ausgestattet sowie Zinngeschirr, einem Seeteufel-Skelett und dem Porträt von Friedrich II. geschmückt.

Schlafzimmer unterm Dach

Woher stammen all die Dinge? „Wir haben unser Haus ausgemistet…“, antwortet der Hausherr auf meine Frage. Die Galerie unter der Mühlenhaube gehört Sohn Robert. Hier lädt ein Doppelbett aus Sumpfeiche zum Schlafen ein. Accessoires wie eine kupferne Wärmflasche und Kerzen bringen Gemütlichkeit in den Raum. Wie in der gesamten Mühle sind auch hier die Scheiben der kleinen Fenster mundgeblasen und sorgen für ein ganz besonderes Flair.


14 Gedanken zu “Die schwarze Mühle

  1. DJenser

    Einfach: „Geil!“ Auch wenn es nur privat genutzt wird: Danke, dass sowas erhalten wird.

  2. Herbert Balszus

    Hallo, ich bin ein alter Lindenthaler und kenne die Mühle noch als Kind, aber was die Fam. Reinhold hier geleistet hat, ist so was von ENORM, das geht nicht nur mit Mitteln, sonder hier spielt eine Portion Herzblut mit.
    Hut ab und Danke für den Erhalt dieses Kulturgut.

    Herbert Balszus

  3. Regina Katzer Artikel Autor

    Ihre Meinung, Frau Angemeister – dass Sie die Einrichtung „Müll“ nennen, schmerzt wahrscheinlich nicht nur mich. Schade, dass Sie so wenig Achtung und Respekt zeigen.

  4. Hella Berg

    Unsere alte Mühle, die mich seit meiner Kindheit begleitet hat. Ich kann nur sagen,hier steckt viel Geld, aber ein großer Überschuss Liebe drin. Hier steht auch kein Müll,sondern Geschichte mit viel Liebe zusammengetragen. Möge das Glück und viel Stolz in diesen Wänden wohnen. Sie haben alles richtig gemacht.

  5. Astrid

    Für mich ist ein liebevoll eingerichtetes Museum. Danke für den Erhalt dieser geschichtsträchtigen Mühle. Ein kleines „Weltkulturerbe“ an dem ich öfter mal vorbei fahre und mich über diesen Anblick sehr freue. Alles Gute dem Besitzer.

  6. Prof. Dr. med. Heinz Mättig

    Wiederholte Gratulation und Bewunderung für das Denkmal Lindenthals und die Familie Dr. Reinhold, ganz besonders seiner Ehefrau Nicol- meiner ehemaligen Krankenschwester in der Chirurgie im Bergmannswohl Schkeuditz, später HELIOS-Klinik, seinem Sohn Robert, dem derzeitigen Praxisassistenten – und natürlich meinem Schüler und späteren Facharzt für Chirurgie und Hausarzt seit seiner Praxisgründung Dr. med. Klaus Peter Reinhold.

  7. Benjamin

    Gelungen, ich habe selber mit meiner Frau ein historisches Vier-Seiten-Projekt, bei Delitzsch, angefangen und daher kann ich nachempfinden was all Das bedeutet…. Die Inneneinrichtung ist schön themenbezogen. Den Kindern wurde auch einiges mitgegeben und hier rede ich nicht von der Mühle, sondern Liebe zu einem Projekt… Der Rest der Neider, auch Euch muss es geben…. aber warum es derart despektierlich sein muss ?

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